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Die Südtirolfrage und die Bundesrepublik Deutschland (1966–1969)
europa geknüpft hatte und mit Geheimagenten in Verbindung stand9. Das
deutsche Auswärtige Amt agierte daher äußerst zurückhaltend. Als im März
1966 die österreichische Botschaft um eine Einreise- und Aufenthaltsgeneh-
migung für Georg Klotz in Deutschland ansuchte, wurde diese abgelehnt.
Man habe fassungslos und mit Entsetzen auf die österreichische Anfrage re-
agiert, hieß es, vor allem angesichts der wiederholten Versuche Österreichs,
die Schuld an den in Südtirol verübten Terroranschlägen Deutschland und
insbesondere Bayern anzulasten. Würde sich die deutsche Regierung bereit
erklären – so das Auswärtige Amt – Klotz, der übrigens italienischer Staats-
bürger war, einreisen zu lassen und ihm Asyl zu gewähren, so würde diese
Entscheidung die Anschuldigungen einer Mitbeteiligung Deutschlands an
den Terroranschlägen in Südtirol bestätigen10. So gefährdete insbesondere das
Attentat auf der Steinalm (Malga Sasso) im September die guten Beziehungen
zu Rom. Staatspräsident Giuseppe Saragat sprach von einer beschämenden He-
rausforderung des demokratischen Italien durch den Neonazismus und die Presse
mutmaßte über eine deutsche Mitverantwortung. Gaja stellte gegenüber dem
deutschen Botschafter Herwarth klar, dass diese Ereignisse die Freundschaft
zwischen Italien und Deutschland schwer belasteten11.
Aber auch innenpolitisch kam es in allen drei Staaten zu Veränderun-
gen. In Wien brachten die Nationalratswahlen vom 6. März 1966 der ÖVP die
absolute Mandatsmehrheit, was die Bildung einer Einparteienregierung un-
ter Kanzler Klaus ermöglichte. Im Februar wurde Bruno Kreisky nach einer
Kampfabstimmung zum Parteivorsitzenden gewählt. Der neue Außenminis-
ter Lujo Tončić-Sorinj war nun für die Südtirol-Problematik zuständig. Nach
anfänglichen Fortschritten in den Verhandlungen zwischen Kreisky und Sa-
ragat war der Dialog ins Stocken geraten, nachdem sich Tirol geweigert hatte,
die Lösungsvorschläge der von der italienischen Regierung zu diesem Zweck
eingesetzten Neunzehnerkommission zu akzeptieren; gleichzeitig verlang-
ten die verstärkten Terroraktivitäten mehr Härte seitens der italienischen
Regierung. Erschwert wurde die Situation für den neuen Minister in Wien
durch den Beschluss seines Vorgängers, als „Libero“ im Spiel zwischen Wien
9 Ebd.
10 PAA, B130, Band 2442A, Anmerkung I Abteilung Auswärtiges Amt, 4. März 1966
(vertraulich).
11 Ebd.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918