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Giulia Caccamo
teile eines gemeinsamen Marktes nutzen zu können, auch wenn die Sowjets
darin eine Unvereinbarkeit mit dem Neutralitätsstatus sahen. Noch größere
Probleme ergaben sich aus dem Artikel 4 des Staatsvertrags, dem Anschluss-
verbot, das direkte oder indirekte wirtschaftliche Bündnisse ausdrücklich
untersagte. Im Falle eines Bestehens auf dieser Interpretation durch die Sow-
jetunion wäre ein Abkommen in dieser Form daher nicht möglich gewesen18.
In der öffentlichen Meinung regten sich Zeichen des Unmuts, da die beiden
grundlegenden Probleme der österreichischen Außenpolitik – das Südti-
rol-Problem und das Assoziierungsabkommen mit dem europäischen Bin-
nenmarkt – unlösbar miteinander verflochten waren. Die zaghaften Versuche
einer Ostpolitik – oder Donauraumpolitik – unter Bundeskanzler Klaus wa-
ren erfolglos und innenpolitisch umstritten19. Die SPÖ sah darin keine Vor-
teile und warnte vor einer wirtschaftlichen Abhängigkeit von den Ländern
Osteuropas. Auch bei den Deutschen löste dieser verhaltene Annäherungs-
versuch an den Ostblock keine Begeisterung aus. Zwar betonte die österrei-
chische Regierung – unter Berücksichtigung der eigenen Neutralität – stets
ihr Verständnis und ihre Sympathie für die deutsche Wiedervereinigung,
Deutschland meinte aber, dass das Wiederaufleben der traditionellen Be-
ziehungen des alten Österreich mit Osteuropa hierbei nicht hilfreich wären.
Letztlich warf man Österreich eine kraftlose Politik vor, basierend auf dem
Irrglauben, dass sich nichts verändert habe, während die osteuropäischen
Gesellschaften eine strukturelle Veränderung im Bereich politischer und so-
zialer Beziehungen erfahren hatten. Außerdem herrschte in den meisten die-
ser Staaten eine negative Geschichtsauffassung gegenüber Österreich vor. Ein
österreichisches Missionsbewusstsein und der Anspruch, eine Brücke zwi-
schen den Blöcken zu schaffen, wurde von den osteuropäischen Diplomaten
und Politikern bestenfalls mit Ironie betrachtetet. Eine Mittlerfunktion Ös-
terreichs als Dreh- und Angelpunkt für den Handel zwischen Ost und West
18 PAA, Bestand B26, Band 357, Bericht zum Besuch von Kanzler Klaus in der UdSSR,
21. März 1967.
19 PAA, Bestand B26, Band 357, Bericht von der deutschen Botschaft in Wien (Löns): Die
österreichische Regierung und die innen- und außenpolitischen Schwierigkeiten, 14. No-
vember.1967 und Bericht derselben Botschaft vom 9. Juli 1967, in dem ausführlich die Kritik
der österreichischen Presse dargelegt wird.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918