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Die Südtirolfrage und die Bundesrepublik Deutschland (1966–1969)
stellte sich als illusorisch heraus: Keiner der mächtigen Industriestaaten des
Westens schien davon Gebrauch zu machen20.
Die österreichische Außenpolitik befand sich in einer Pattsituation.
Die deutschen Exporte nach Österreich waren 1967 verglichen mit dem Vor-
jahr um 15 Prozent gestiegen und machten gut 42 Prozent der gesamten von
Österreich importierten Güter aus. Die Bundesrepublik exportierte nach Ös-
terreich wertmäßig mehr Güter als Österreich von den anderen Ländern der
EWG, der EFTA und des RGW zusammen importierte. Die Tatsache, dass
Österreich für die BRD einen interessanten Markt darstellte, bildete mit der
Assoziierung eines gemeinsamen Marktes einen Interessensschwerpunkt
deutscher Wachstumspolitik. Das italienische Veto drohte noch viel mehr als
das sowjetische auf unbestimmte Zeit die Möglichkeit eines Assoziierungs-
abkommens zu zerschlagen, aber deutsche Vermittlungsversuche hätten von-
seiten Italiens als unrechtmäßige Einmischung in die heikle Südtirol-Proble-
matik wahrgenommen werden können. Botschafter von Herwarth wies von
Rom aus auf die Notwendigkeit hin, höchste Vorsicht walten zu lassen, und
zitierte den in „La Stampa“ erschienenen Artikel von Vittorio Gorresio als
Beispiel für die italienische Stimmung in Bezug auf die deutsche Haltung.
Darin wurde Brandt dazu aufgefordert, die dem österreichischen Vizekanz-
ler und Handelsminister Bock bei seinem Besuch in Bonn versprochene Un-
terstützung nochmals zu überdenken21. Der Journalist verwies auf den Fall
Spaniens, dessen Antrag auf Beitritt zum gemeinsamen Markt wegen man-
gelnder Demokratie abgelehnt wurde, während es in Österreich an jeglicher
Art von Prävention und Schutz vor dem Nazismus fehle. Deswegen, so fuhr
Gorresio fort, sei jede Bemühung zwecklos, Italien von seiner Position ab-
zubringen, solange Österreich nicht die erforderlichen Voraussetzungen mit-
bringe, die dessen Assoziierung in die EWG ermöglichten22.
20 PAA, Bestand B26, Band 357, Bericht der deutschen Botschaft in Wien: Die öster-
reichische Ostpolitik, 13. November 1967.
21 Gorresio nimmt Bezug auf das Gespräch zwischen Brandt und Bock in AAPBD, 1967,
Dok. 243. Brandt bestätigte im Laufe des Treffens, dass die italienische und die russische
Haltung Deutschland in eine schwierige Lage brächte und unterstützte die Einnahme einer
zurückhaltenden Position, auch im Interesse Österreichs. Er bemühe sich jedoch um bilate-
rale Gespräche mit Italien, um es von seiner unnachgiebigen Haltung abzubringen.
22 PAA, Bestand B24, Band 603, Bericht von von Herwarth, 5. Juli 1967.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918