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Giulia Caccamo
Die deutsche Regierung kam nach anfänglicher Ratlosigkeit und Lähmung
zur realistischen Erkenntnis, dass Italien bei der Südtirol- und EWG-Frage am
längeren Hebel sitzt, weswegen strengere Maßnahmen gegen den Terrorismus
ergriffen werden sollten23. Am 17. Juli goss jedoch der „Spiegel“ mit der Ver-
öffentlichung eines Interviews mit Norbert Burger unter dem Titel „Attentate
sind notwendiger denn je“ weiter Öl ins Feuer. In dem Artikel theoretisiert
Burger, von den Fragen des Interviewers gedrängt, die Notwendigkeit, Süd-
tirol mithilfe von Bomben zu einem permanenten Krisenherd zu machen, um
Europas Aufmerksamkeit zu gewinnen. Die unvermeidbaren italienischen
Proteste brachten die österreichischen Behörden dazu, das Magazin zu be-
schlagnahmen und einen Haftbefehl gegen Burger zu erlassen. Da es sich
um eine deutsche Zeitschrift handelte, waren die Folgen naheliegend. Dem
Geschäftsträger der Botschaft in Bonn kam die Aufgabe zu, die italienische
Besorgnis darüber zu übermitteln, dass ein in der Bundesrepublik heraus-
gegebenes Printmedium ein solches Interview veröffentlicht hatte. Schütz,
Staatssekretär im Auswärtigen Amt, schrieb einen Brief an Rudolf Augstein,
den Gründer und Herausgeber der Wochenschrift. Obwohl er die guten Ab-
sichten des Redakteurs nicht infrage stellte, kritisierte er, dass Burger die
Möglichkeit gegeben wurde, zur Fortsetzung des Terrorismus aufzurufen.
Die Presse habe volles Recht die Leser zu informieren, schrieb Schütz, aber
man dürfe nicht so weit gehen, dass man einem bekannten Unruhestifter die
Möglichkeit gebe, das friedliche Zusammenleben in Südtirol zu sabotieren24.
Nach dem zweiten Attentat an der Porzescharte Ende Juli entschied Außen-
minister Fanfani, Befürworter einer harten Gangart, auf eine offizielle Be-
teiligung Italiens an der Messe in Wien zu verzichten. Die von der Wiener
Regierung ergriffenen Maßnahmen, darunter der Einsatz des Bundesheeres,
brachten nicht die gewünschte Wirkung. In Rom wurde dieser Eingriff als
für diese Zwecke ungeeignet erachtet, weil die verschiedenen Patrouillen in
Abhängigkeit von den großteils Tiroler Polizeikräften agierten, welche dazu
geneigt waren, sich mit den Bergführern und Bewohnern der Grenzregionen
zu verbrüdern. Zudem kursierten Gerüchte, dass die österreichische Strenge
23 PAA, Bestand B24, Band 603, Bericht von der deutschen Botschaft in Wien: Die ös-
terreichische Reaktion auf die italienische Unterdrückung der terroristischen Handlungen,
12. Juli 1967.
24 PAA, Bestand B24, Band 603, Schreiben von Schütz an Augstein, ohne Datum.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918