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Die Südtirolfrage und die Bundesrepublik Deutschland (1966–1969)
der Streitfrage sowohl der NPD als auch der extremen Rechten in Deutsch-
land den Boden entziehen würde30.
Lahrs Beobachtungen bei dem Gespräch fassen die Position des Aus-
wärtigen Amtes gut zusammen: Die österreichische Regierung und die SVP
müssten von den begünstigenden Umständen der Anwesenheit zweier mo-
derater und guter Europäer, Saragat und Moro, profitieren und das Thema ab-
schließen31. Zudem wies er darauf hin, dass die Wechselbeziehung des Süd-
tirol-Streits mit dem EWG-Assoziationsabkommen, abgesehen vom Problem
des Terrorismus, im Grunde genommen politisch sei. Es wäre in der Tat für
eine italienische Regierung schwierig, dafür die Zustimmung im Parlament
zu erhalten, ohne zuvor die Südtirolfrage gelöst zu haben. Das Abkommen
zwischen Österreich und der EWG sei von grundlegender Bedeutung: Da die
Grenzfrage ein Tabu ist, müsste Südtirol seine Priorität darauf ausrichten,
die Grenze durch eine ausgeprägte Durchlässigkeit quasi verschwinden zu
lassen. Ein wichtiger Schritt dazu wäre die Einbeziehung Österreichs in den
gemeinsamen Markt und in die noch im gleichen Jahr abgeschlossene Zoll-
union. Diese zweifelsohne sehr weitblickende Vision hinsichtlich des engen
Zusammenhanges zwischen den beiden Problemen wird durch eine weitere
Tatsache unterstrichen, die aus den diplomatischen Quellen hervorgeht: Der
Regierung in Bonn lag die Aufnahme Österreichs in die EWG mehr am Her-
zen als die Südtirol-Problematik, die nur dann Bedeutung erhielt, wenn sie
die Integration Österreichs in den gemeinsamen Markt behinderte. Dennoch
blieb die Äquidistanz zu Rom und Wien weiterhin eine Prämisse der deut-
schen Außenpolitik.
Das wird auch aus der Politik des Auswärtigen Amtes deutlich. So ließ
die Bundesrepublik Südtirol beträchtliche Unterstützungen zur Finanzierung
der Kulturarbeit zukommen. Von Italien wurde dies misstrauisch betrachtet
und selbst den Beamten des Bonner Außenministeriums war der Bestim-
mungszweck oftmals unklar. Die großen Vertriebenenvereine sammelten ak-
tiv Geld zur Unterstützung der Südtiroler Bevölkerung, allerdings mussten
30 Ebd.
31 PAA, Bestand B26, Band 401, Gespräch in Bozen zwischen dem Staatssekretär des Aus-
wärtigen Amts Lahr, dem Präsidenten der Handelskammer Bozen von Walther und Silvius
Magnago, 4. Jänner 1968.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918