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Die Südtirolfrage und die Bundesrepublik Deutschland (1966–1969)
Auf der anderen Seite entstand das Verlangen nach Ordnung und Klarheit,
welches Bonn zur Übertragung der Südtirol-Kompetenzen vom Bundesminis-
terium für gesamtdeutsche Fragen an das Auswärtige Amt veranlasste. Doch
auch Wien wollte sich von seiner subalternen Rolle in Bezug auf Deutschland
befreien38 und betrachtete Südtirol als sein eigenes nationales Problem. Ös-
terreich war allerdings Geisel der wechselseitigen Vetos zwischen Rom und
Bozen, von der BRD war hier keine Unterstützung zu erwarten. Bonn hät-
te versuchen können, der starren italienischen Haltung innerhalb der EWG
entgegenzuwirken, um Verhandlungen über eine Assoziierung Österreichs
zu ermöglichen. Doch sowohl Brandt als auch Kiesinger verfolgten diesbe-
züglich einen behutsamen Kurs, erklärten zwar, den österreichischen Antrag
zu befürworten, doch hielt Brandt das italienische Junktim zwischen Süd-
tirol-Terrorismus und EWG-Assoziierungsverhandlungen für legitim. Als
sich allerdings im Herbst 1969 eine Überwindung der Krise abzeichnete – am
23. November hatte die außerordentliche Landesversammlung der SVP den
Weg für das Paket freigegeben und am Ende des Monats zog Italien das Veto
zu den EWG-Verhandlungen zurück –, unterstrich die deutsche Botschaft in
Rom die Bedeutung dieses Erfolgs für die italienisch-deutschen Beziehun-
gen. Mit der Beilegung des Streits um Südtirol wurde eines der bedeutends-
ten noch existierenden politischen Probleme bilateraler Art zwischen Italien und
Deutschland gelöst39. Die deutsche Botschaft in Wien betonte als Fazit aus der
komplexen Dreiecksbeziehung mit Österreich und Italien die Bedeutung der
deutschen Position. Die deutsche Politik einer rigorosen Neutralität habe eine
Beeinträchtigung der Beziehungen zu Rom in Bezug auf gewisse emotionale
Stellungnahmen, insbesondere in Süddeutschland, verhindert40.
38 Carlo Masala, Italia und Germania, Die deutsch-italienischen Beziehungen, 1963–1969,
in: Kölner Arbeiten zur Internationalen Politik, Bd. VII, hrsg. von Werner Link, Carlo Masala
und Ralf Roloff (Vierow bei Greifswald 1997) 64. Der Autor beschränkt sich darauf, davon zu
berichten, dass die österreichische Regierung den Antrag auf Vermittlung durch den deutschen
Kanzler abgelehnt habe und lässt offen, ob dieser Antrag je gestellt wurde. Die Dokumente des
Auswärtigen Amts weisen lediglich auf ein zaghaftes an die deutsche Regierung gerichtetes
Ersuchen Österreichs hin, Italien in der EWG milder zu stimmen. Auch Magnago schloss einen
möglichen von Wien bei Bonn gestellten Antrag auf Vermittlung aus (siehe S. 12).
39 PAA, Bestand 26, Band 440, deutsche Botschaft in Rom an das Auswärtige Amt,
17. Dezember 1969.
40 PAA, Bestand 26, Band 440, Löns (deutscher Botschafter in Wien) an das Auswärtige
Amt,17. Dezember 1969.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918