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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
Erlaß eines „Völkermanifests“ am 17. Oktober 1918, als die Monarchie längst
in Trümmern lag, zollte der sozialdemokratischen Idee eines österreichischen
Nationalitätenbundesstaates einen letzten Tribut26, hatte politisch aber keine
Bedeutung mehr.
2. 1918–1945: Teilung Tirols und die
Anschlussbestrebungen an Deutschland
Das Brünner Nationalitätenprogramm war vor Ausbruch des Ersten Welt-
kriegs keineswegs die einzige Antwort auf die nationale Frage, die aus den
Reihen der sozialistischen Arbeiterbewegung kam. Die Bolschewiki hatten
auf Basis ihrer Erfahrungen im multiethnischen Zarenreich ihrerseits Kon-
zepte entwickelt, die das Brünner Nationalitätenprogramm konterkarierten27.
Im Gegensatz zur österreichischen Sozialdemokratie hatte sich Lenin vor 1914
in mehreren Schriften für die Gewährung des Selbstbestimmungsrechts bis
hin zur möglichen Abspaltung unterdrückter Nationen ausgesprochen28 und
im Gegensatz zur österreichischen Sozialdemokratie waren die Bolschewiki
nach der Oktoberrevolution 1917 auch in der Lage, das Selbstbestimmungs-
recht der Nationen umzusetzen, was mit Dekret vom 2. bzw. 15. November
1917 geschah29. Parallel zum Abschluss der Friedensverträge von Brest-Li-
war vielleicht seit Erschaffung der Welt zum erstenmal der Fall, daß der Teufel Pfui Teufel! rief. Karl
Kraus, Die letzten Tage der Menschheit. Tragödie in fünf Akten mit Vorspiel und Epilog
(Frankfurt 1986) [Erstveröffentlichung 1915–1922] 507 f.
26 Österreich soll, dem Willen seiner Völker gemäß, zu einem Bundesstaate werden, in dem
jeder Volksstamm auf seinem Siedlungsgebiete sein eigenes staatliches Gemeinwesen bildet. Wiener
Zeitung, Extra-Ausgabe (17.10.1918), o. S.
27 Vgl. John Schwarzmantel, Marxist Theories on Nation Building and the Collapse of
Communism, in: Arbeiterbewegung und nationale Identität, hrsg. von Winfried R. Garscha,
Christine Schindler (Wien 1994) 35–54, hier: 46 ff.
28 Der siegreiche Sozialismus muß die volle Demokratie verwirklichen, folglich nicht nur voll-
ständige Gleichberechtigung der Nationen realisieren, sondern auch das Selbstbestimmungsrecht der
unterdrückten Nationen durchführen, das heißt das Recht auf freie politische Abtrennung anerken-
nen. Wladimir I. Lenin, Die sozialistische Revolution und das Selbstbestimmungsrecht der
Nationen, in: Wladimir I. Lenin, Werke. Bd. 22 (Berlin 1960) 144–159, hier: 144.
29 In der Epoche des Zarismus wurden die Völker systematisch gegeneinander gehetzt. Die Er-
gebnisse einer solchen Politik sind bekannt: Gemetzel und Pogrome einerseits und Knechtschaft der
Völker andererseits. Solch eine schädliche Politik der Hetze wird und darf nicht mehr wiederkehren.
An ihre Stelle muß die Politik eines freiwilligen und ehrlichen Bundes der Völker Rußlands treten. (…)
1. Gleichheit und Souveränität der Völker Rußlands. 2. Recht der Völker Rußlands auf freie Selbst-
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918