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Joachim Gatterer
Friedensverhandlungen von Saint-Germain, noch in die administrative An-
gliederung Südtirols an Italien eingebunden waren, war die Erfolgsaussicht
ihrer Selbstbestimmungs- und Autonomieforderung für Südtirol von Anfang
an ziemlich gering gewesen43.
Der Siegeszug des Faschismus in Italien (1922), Deutschland (1933)
und Österreich (1934) bei gleichzeitigem Abdrängen der sozialistischen Ar-
beiterbewegung in die Illegalität verhinderte schließlich in den zwei Jahr-
zehnten zwischen den Weltkriegen auf längere Sicht auch im Tiroler Raum
die Umsetzung einer sozialistischen Nationalitätenpolitik. Immerhin wurde
die Südtirolfrage im trilateralen Diskurs zwischen Österreich, Italien und
Deutschland gerade von Sozialdemokraten und Kommunisten bis in die
frühen 1930er-Jahre präsent gehalten, zumal sich das Thema dazu eigne-
te, als publizistische Speerspitze gegen die Regime Mussolini und Dollfuss
wie auch gegen den aufstrebenden Nationalsozialismus eingesetzt zu wer-
den44. Sowohl Sozialdemokraten als auch Kommunisten in Österreich und
Deutschland wiesen wiederholt auf die Unterdrückung der Südtiroler durch
den italienischen Faschismus hin und warfen Austrofaschisten und Natio-
nalsozialisten ob ihrer Allianzen mit Mussolini und der stillschweigenden
Toleranz von dessen Italianisierungspolitik nationalen Verrat vor45. Die fa-
schistische Seite konterte, indem sie der Linken ihrerseits unter Anspielung
auf die Unterzeichnung des Versailler Vertrags durch Karl Renner nationalen
43 Einen ebenso analytischen wie kritischen Zeitzeugenbericht zur Politik der italie-
nischen Sozialisten der Jahre 1919–1922 gibt Angelo Tasca, Glauben, gehorchen, kämpfen.
Aufstieg des Faschismus (Wien-Frankfurt-Zürich 1969) 93–108.
44 Einen Überblick über weitestgehend deklaratorische Wortmeldungen von Sozialde-
mokraten und Kommunisten zur Südtirolfrage, die in ausführliche Darstellungen der poli-
tischen Entwicklungen in Österreich, Italien und Deutschland eingearbeitet wurden, gibt
Heinz-Rudolf Othmerding, Sozialistische Minderheitenpolitik am Beispiel Südtirol von den
Anfängen des Konflikts bis heute (Hamburg 1984) 395–599.
45 Exemplarisch eine programmatische Stellungnahme der Kommunistischen Partei
Deutschlands (KPD) aus dem Jahr 1930: Hitler und die deutschen Nationalsozialisten schweigen
über die Nöte der deutschen Bauernbevölkerung Südtirols, die unter dem Joch des italienischen Faschis-
mus stöhnt, Hitler und seine Partei haben hinter dem Rücken des deutschen Volkes einen schmutzigen
Geheimvertrag mit der italienischen Faschistenregierung abgeschlossen, auf Grund dessen sie die deut-
schen Gebiete Südtirols bedingungslos den ausländischen Eroberern ausliefern. Mit dieser schändlichen
Tat haben Hitler und seine Partei die nationalen Interessen der werktätigen Massen Deutschlands in
gleicher Weise an die Versailler Siegermächte verkauft, wie es die deutsche Sozialdemokratie seit zwölf
Jahren unausgesetzt getan hat. Wir Kommunisten erklären, daß wir keine gewaltsame Angliederung
eines Volkes oder eines Volksteiles an andere nationale Staatsgebilde, daß wir keine einzige Grenze an-
erkennen, die ohne Zustimmung der werktätigen Massen und der wirtschaftlichen Mehrheit der Be-
völkerung gezogen ist. Die Rote Fahne (Berlin, 24.8.1930) 1 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918