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Joachim Gatterer
darstellte, wurde in diesem Zusammenhang auch von hochrangigen österrei-
chischen Sozialdemokraten ignoriert49. So bemerkte Karl Renner am 3. April
1938 im Vorfeld der nationalsozialistischen Volksabstimmung über den „An-
schluss“ öffentlich:
Nun ist diese zwanzigjährige Irrfahrt des österreichischen Volkes beendigt,
es kehrt geschlossen zum Ausgangspunkt, zu seiner feierlichen Willenserklä-
rung vom 12. November [1918] zurück. (…) Als Sozialdemokrat und somit als
Verfechter des Selbstbestimmungsrechtes der Nationen, als erster Kanzler der
Republik Deutsch-Österreich und als gewesener Präsident ihrer Friedensde-
legation zu St.-Germain werde ich mit Ja stimmen.50
Das rasche Überschwappen nationalsozialistischer Sympathien nach Südti-
rol hatten wiederum die italienischen Kommunisten mit zunehmender Sor-
ge beobachtet. Noch 1935 erinnerten sie die Südtiroler an den faschistischen
Charakter erlebter Entnationalisierungspolitik und bekräftigten, dass sie sich
im Gegensatz zum Regime Mussolinis für die Anwendung des Selbstbestim-
mungsrechts der Südtiroler einsetzen würden51. Spätestens der „Anschluss“
Österreichs bewirkte jedoch auch in den Reihen der KPI das Aufkommen
nationalistischer Positionen. Vom Selbstbestimmungsrecht für die Südtiro-
ler war nach 1938 in der illegalen KP-Presse nichts mehr zu lesen; vielmehr
wurde Italiens immer intensivere Bindung an Hitlerdeutschland (Achse Ber-
lin-Rom)52 als nationaler Verrat gedeutet, indem man u.a. den denkbaren Fall
49 Vgl. Karl R. Stadler, Sozialdemokratie und „Anschluß“, in: Sozialdemokratie und
„Anschluß“. Historische Wurzeln, Anschluß 1918 und 1938, Nachwirkungen. Eine Tagung
des Dr.-Karl-Renner-Instituts, Wien, 1. März 1978, hrsg. von Helmut Konrad (Wien 1978)
15–18.
50 Neue Wiener Zeitung (3.4.1938) 3.
51 Die kommunistische Zeitung l’Unità berichtete 1935 hierzu: Seit einiger Zeit ist die Bevöl-
kerung Südtirols in Aufregung und der Südtiroler Hitlerismus hat als Antwort auf die nationale Unter-
drückungspolitik des italienischen Faschismus sowie auf den Kuhhandel zwischen den österreichischen
Klerikalfaschisten und Mussolini um die Unabhängigkeit Österreichs eine relative Entwicklung er-
fahren. (…) Die Bauern und die arbeitende Bevölkerung Südtirols lägen aber falsch, würden sie den
hitlerischen Propagandisten folgen und ihnen die Verteidigung der nationalen Freiheit anvertrauen.
(…) Nur das Proletariat und die italienischen Kommunisten haben es nie unterlassen, sich für das
Selbstbestimmungsrecht der unterdrückten Völker, und somit der Südtiroler, bis zu ihrer Trennung vom
italienischen Staat einzusetzen. l‘Unità (edizione clandestina), (27.11.1935), o. S. (Übers. d. Verf.)
52 Zur Entwicklung der Südtirolfrage im Spannungsfeld der faschistischen und natio-
nalsozialistischen Außenpolitik informiert ausführlich Leopold Steurer, Südtirol zwischen
Rom und Berlin 1919–1939 (Wien–München–Zürich 1980).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918