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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
Die Parteien des sozialistischen Spektrums in Italien, Österreich und Süd-
tirol reagierten mit unterschiedlichen Initiativen auf den politischen Druck,
der Ende der 1950er-Jahre von Seiten der SVP und des BAS erzeugt worden
war. Auf österreichischer Seite griff die Sozialdemokratie die Forderung der
SVP in Person des damaligen Außenministers Bruno Kreisky auf höchster
Ebene auf. Ab 1959 setzte Kreisky entscheidende diplomatische Schritte, die
auf eine Erreichung der Südtirolautonomie über Verhandlungen mit Italien
abzielten. Auch im Sinne einer Aufwertung Österreichs in der internatio-
nalen Staatengemeinschaft erreichte Kreisky 1960 die Verabschiedung einer
Resolution der Generalversammlung der Vereinten Nationen, die Italien und
Österreich nach 1946 abermals zu bilateralen Gesprächen über die Südtirol-
frage aufforderte75. Kreisky selbst brachte die angestoßenen Verhandlungen
1964 schließlich zu einem ersten Ergebnis. Das Abkommen mit seinem italie-
nischen Amtskollegen, dem Sozialdemokraten Giuseppe Saragat (PSDI), sah
eine Verlagerung von Kompetenzen der Einheitsregion Trentino-Südtirol auf
die getrennten Provinzen Trient und Bozen vor sowie die Einrichtung einer
internationalen Schiedskommission für etwaige weitere Streitfragen76.
Anders als von Kreisky beabsichtigt, sollte sein Abkommen mit Saragat in-
des nur ein Zwischenergebnis bleiben, da die Kompetenzübertragungen
von Rom und Trient nach Bozen sowie die internationale Absicherung der
neuen Autonomieregelung von der Südtiroler Volkspartei als zu gering be-
funden wurden. Dabei schreckten Tiroler und Südtiroler Politiker auch vor
einer Desavouierung des aufstrebenden Sozialdemokraten Kreisky nicht zu-
rück. Diese erfolgte schließlich mit der Ablehnung des Kreisky-Saragat-Ab-
kommens durch die Nord- und Südtiroler Landesvertretungen von ÖVP und
75 Die UN-Resolution Nr. 1497 (XV) vom 31. Oktober 1960 ist abgedruckt in Rolf Steinin-
ger, Südtirol im 20. Jahrhundert. Dokumente (Innsbruck–Wien 1999) 293 f.
76 Bruno Kreisky hielt zum Ergebnis seiner Verhandlungen mit Saragat 1965 in einem
Bericht fest: Das bisherige Ergebnis kann dahin zusammengefaßt werden, daß a) hinsichtlich der
Form, in der die aktuelle Auseinandersetzung zwischen Österreich und Italien über die Anwendung
des Pariser Abkommens beendigt werden soll (…) eine Annäherung erzielt wurde; b) hinsichtlich
der Verwirklichung der Beschlüsse der „Neunzehner-Kommission“ die Zahl der Sachgebiete, über die
Meinungsverschiedenheiten bestanden, von ursprünglich 110 auf 16 reduziert werden konnte (…) Da
auch nach der Pariser Begegnung noch wesentliche Punkte offen geblieben sind, auf die die Betroffenen
nicht verzichten zu können glauben, konnten die Verhandlungen nicht abgeschlossen werden. Bruno
Kreisky zitiert nach Steininger, Südtirol im 20. Jahrhundert. Dokumente 370. Siehe auch
Rolf Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947–1969. Bd. 3: 1962–1969 (Bozen
1999) 234–238.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918