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Joachim Gatterer
genannte „Feuernacht“) eingerichtet worden war, um Reformvorschläge für
die Regionalautonomie Trentino-Südtirols zu erarbeiten84. Ebenso wie das
Kreisky-Saragat-Abkommen brachten die Arbeiten der Neunzehner-Kom-
mission wichtige Detailergebnisse, die Ende der 1960er-Jahre von christde-
mokratischen Alleinregierungen in Italien und Österreich schließlich zu ei-
nem umfassenden Maßnahmenkatalog (sogenanntes „Paket“) ausverhandelt
wurden. Diese Neuregelung wurde vom italienischen Parlament mit Zustim-
mung der italienischen Linksparteien verabschiedet und trat 1972 als Zweites
(erweitertes) Autonomiestatut für Südtirol in Kraft. Lediglich die SPÖ hatte
dem Verhandlungsabschluss durch die ÖVP-Alleinregierung zuvor im Öster-
reichischen Nationalrat ihre Zustimmung verweigert85.
Die Haltung der Linken zum Südtirolterrorismus
Die offizielle Haltung der Linksparteien zum Südtirolterrorismus (der bis in
die 1980er-Jahre andauerte, mit seiner Maximalforderung nach Sezession al-
lerdings scheiterte) war in Österreich, Italien und Südtirol weitgehend, aber
nicht vollends ablehnend. Die italienischen Sozialdemokraten und Kommu-
nisten verurteilten die blutigen Anschläge als Ausdruck eines übersteigerten,
chauvinistischen Nationalismus – und naturgemäß auch deshalb, weil spe-
ziell die ersten Anschläge auf Wohnbauten für italienische Arbeitsmigranten
wesentlich gegen ihre Parteibasis gerichtet waren86. Vor allem KPI und KPÖ
84 Renato Ballardini bewertete die Neunzehner-Kommission 1964 wie folgt: Ich glaube,
daß die Neunzehner-Kommission gezeigt hat, wie italienische und Südtiroler Politiker mit Verständ-
nis für ihre gegenseitigen Probleme miteinander diskutieren können. Die Resultate der Arbeiten der
Kommission sind in ihren Einzelheiten zu spezialisiert und können daher nur ungenügend beurteilt
werden. Der große Wert dieser Kommission besteht vor allem in ihrer symbolischen Bedeutung. Wir
haben die Erfahrung gemacht, daß ein Instrument geschaffen werden konnte, das es ermöglicht, das
Gespräch zwischen der politischen Welt Italiens und der Südtiroler Bevölkerung wieder in Gang zu
bringen. Man muß dieses Gespräch fortsetzen, weil es den richtigen Weg zur Lösung des Südtirolpro-
blems darstellt. Den Weg zur Wiedererlangung des gegenseitigen Vertrauens, der der einzige ist, auf
dem man eine endgültige Lösung für Südtirol finden kann. Renato Ballardini, Die italienischen
Sozialisten für Autonomie, in: Die Zukunft [Monatszeitschrift der SPÖ], März 1964, o. S. Sie-
he auch Gatterer, Im Kampf 1256–1261. Zu Renato Ballardini siehe auch dessen Memoiren.
Renato Ballardini, I guizzi di un pesciolino … rosso. Ricordi di vita e di politica (Trento
2007).
85 Michael Gehler, Von New York nach Kopenhagen. Der Weg zum historischen Kom-
promiß, in: Südtirol im 20. Jahrhundert, Bd. 4, hrsg. von Gottfried Solderer (Bozen 2002)
12–40, hier: 38 ff.
86 Der PSI-Abgeordnete Renato Ballardini bemerkte hierzu 1964: Ein falscher Weg, der un-
richtigste von allen, ist der des Quälens und des Terrorismus. Diese Methoden schaffen internationale
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918