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Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
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449 Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992 Kritik an der bisherigen Autonomiepolitik und dabei auch an den entspre- chenden Positionen von Sozialdemokraten und Kommunisten101. Ihr Spitzen- exponent Alexander Langer lehnte den ethnischen Proporz ab; im Gegensatz zum MSI ging Langer die Autonomieregelung für Südtirol allerdings nicht weit genug. Seine Vorschläge verstanden sich als Ausbau des Zweiten Auto- nomiestatuts hin zu einer territorialen Selbstverwaltung für Südtirol, die nicht mehr von getrennten Sprachgruppenmilieus, sondern von einer homo- genen „interethnischen“ Regionalkultur und entsprechend einheitlichen (nicht sprachlich getrennten) Institutionen getragen werden sollte102. 1981 erlebte der von Langer angestoßene Kampf gegen den ethnischen Proporz einen ersten Höhepunkt, als im Zuge der staatlichen Volkszählung 101 1. Die Südtiroler Autonomie wurde nicht von „unten“ her, von links, auf fortschrittlichem oder demokratischem Wege erkämpft. Ihre Herkunft (bürgerlicher Autonomismus, konservative bis reaktionäre SVP-Hegemonie im Kampf um nationale Rechte, Geheimverhandlungen, Attentate, zwi- schenstaatliche Ebene, innerstaatliche bürg. Kräfte, usw.) kann sie daher nicht verleugnen. Die „Lin- ke“, die „Arbeiterbewegung“ hatte im Grunde kein Modell, keine eigene Vorstellung über Autonomie und Regelung der Minderheitenfrage. So blieb sie subaltern. 2. Somit wurde die spezifische Form der Südtiroler Autonomie (II. Fassung: Paket) sehr wesentlich vom Interessensausgleich der beteiligten bürgerlichen Kräfte geprägt: wobei die Südtiroler durch recht kleinkarierte Krämerbourgeois vertreten waren, deren Autonomievorstellungen ihrerseits eher einer Wäscheliste als einem globalen Konzept glichen, weil sie zuviele lokale Interessen vermitteln mußten. (…) 10. Die Arbeiterbewegung und „die Linke“ hat gegenüber Minderheitenfragen und im besonderen der Südtiroler Autonomieproblematik insgesamt (und zurecht) ein schlechtes Gewissen gezeigt – und auch viele und schwere Lücken in Bezug auf Information und Erarbeitung von Positionen. (…) So kam es zur „linken“ (PCI, PSI) Pa- ket-Absegnung im Parlament: aus Überzeugung, daß man historisch nichts besseres im Auge hatte; aus Verlegenheit („kleineres Übel“ gegenüber der schwelenden Südtiroler-Problematik); aus Einsicht in die politischen Zwänge. Mehr und mehr wurde aber diese, recht problematische, Zustimmung emp- hatisiert und als autonomistische Visitenkarte herumgereicht: auch eine Art „linker Opferpolitik“, in- dem man sich durch Vorleistungen beim Klassenfeind genehm machen wollte – und vergaß, daß dieser dadurch immer mehr Appetit bekommt und die Vorleistungen nicht einmal honoriert. Alexander Langer, Autonomie, Proporz, Arbeiterbewegung, unveröffentlichtes Typoskript vom 3. Mai 1979, einsehbar in der Südtiroler Landesbibliothek Tessmann, Signatur III Z 1.213. 102 Proporzgesellschaft ist immer mehr im Kommen (der Proporz ist die eigentlich „regulative Idee“ der SVP-Autonomiepolitik); klassen- und gesellschaftsspaltende Tendenzen werden offenkun- dig; ethnozentrische Prozesse überlagern soziale und politische Dynamiken (…) eine Optionsvolks- zählung ist als allgemeines Bereinigungsmoment und Entmischungsakt angepeilt (und wird passieren, wenn man sich nicht wehrt); der deutsche ebenso wie der italienische Nationalismus erscheint immer mehr auch sozial „gerechtfertigt“: auf der einen Seite heißt’s „stark bleiben, damit wir weiterhin mehr Stellen, Wohnungen, Haushaltsmittel usw. kriegen“; auf der anderen heißt’s „qui i tedeschi diventa- no sempre più forti, bisogna unirsi anche noi per fargliela vedere o almeno per difenderci“. (…) Von links her darf die Spaltung und gegenseitige Nicht-Einmischung nicht respektiert werden. Natürlich muß die gegebene Autonomie als das Terrain anerkannt werden, auf dem man sich bewegt – aber we- sentlicher ist, daß innerhalb der Arbeiterbewegung pro-autonomistische Positionen zugleich mit einer linken Paketkritik heranwachsen. In anderen Worten: ja zu einer breiten (auch noch breiteren Auto- nomie), nein zur Paket- und Proporzgesellschaft, insoweit sie arbeiterfeindlich und klassenspaltend ist. Langer, Autonomie, Proporz, Arbeiterbewegung.
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Die schwierige Versöhnung Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Titel
Die schwierige Versöhnung
Untertitel
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Autoren
Andrea Di Michele
Andreas Gottsmann
Luciano Monzali
Herausgeber
Karlo Ruzicic-Kessler
Verlag
Bozen-Bolzano University Press
Ort
Bozen
Datum
2020
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-SA 4.0
ISBN
978-88-6046-173-5
Abmessungen
16.0 x 23.0 cm
Seiten
616
Schlagwörter
20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
Kategorien
Geschichte Nach 1918
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