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Sozialistische Beiträge zur Nationalitätenfrage in Tirol und Südtirol 1890–1992
Kritik an der bisherigen Autonomiepolitik und dabei auch an den entspre-
chenden Positionen von Sozialdemokraten und Kommunisten101. Ihr Spitzen-
exponent Alexander Langer lehnte den ethnischen Proporz ab; im Gegensatz
zum MSI ging Langer die Autonomieregelung für Südtirol allerdings nicht
weit genug. Seine Vorschläge verstanden sich als Ausbau des Zweiten Auto-
nomiestatuts hin zu einer territorialen Selbstverwaltung für Südtirol, die
nicht mehr von getrennten Sprachgruppenmilieus, sondern von einer homo-
genen „interethnischen“ Regionalkultur und entsprechend einheitlichen
(nicht sprachlich getrennten) Institutionen getragen werden sollte102.
1981 erlebte der von Langer angestoßene Kampf gegen den ethnischen
Proporz einen ersten Höhepunkt, als im Zuge der staatlichen Volkszählung
101 1. Die Südtiroler Autonomie wurde nicht von „unten“ her, von links, auf fortschrittlichem
oder demokratischem Wege erkämpft. Ihre Herkunft (bürgerlicher Autonomismus, konservative bis
reaktionäre SVP-Hegemonie im Kampf um nationale Rechte, Geheimverhandlungen, Attentate, zwi-
schenstaatliche Ebene, innerstaatliche bürg. Kräfte, usw.) kann sie daher nicht verleugnen. Die „Lin-
ke“, die „Arbeiterbewegung“ hatte im Grunde kein Modell, keine eigene Vorstellung über Autonomie
und Regelung der Minderheitenfrage. So blieb sie subaltern. 2. Somit wurde die spezifische Form der
Südtiroler Autonomie (II. Fassung: Paket) sehr wesentlich vom Interessensausgleich der beteiligten
bürgerlichen Kräfte geprägt: wobei die Südtiroler durch recht kleinkarierte Krämerbourgeois vertreten
waren, deren Autonomievorstellungen ihrerseits eher einer Wäscheliste als einem globalen Konzept
glichen, weil sie zuviele lokale Interessen vermitteln mußten. (…) 10. Die Arbeiterbewegung und „die
Linke“ hat gegenüber Minderheitenfragen und im besonderen der Südtiroler Autonomieproblematik
insgesamt (und zurecht) ein schlechtes Gewissen gezeigt – und auch viele und schwere Lücken in
Bezug auf Information und Erarbeitung von Positionen. (…) So kam es zur „linken“ (PCI, PSI) Pa-
ket-Absegnung im Parlament: aus Überzeugung, daß man historisch nichts besseres im Auge hatte;
aus Verlegenheit („kleineres Übel“ gegenüber der schwelenden Südtiroler-Problematik); aus Einsicht
in die politischen Zwänge. Mehr und mehr wurde aber diese, recht problematische, Zustimmung emp-
hatisiert und als autonomistische Visitenkarte herumgereicht: auch eine Art „linker Opferpolitik“, in-
dem man sich durch Vorleistungen beim Klassenfeind genehm machen wollte – und vergaß, daß dieser
dadurch immer mehr Appetit bekommt und die Vorleistungen nicht einmal honoriert. Alexander
Langer, Autonomie, Proporz, Arbeiterbewegung, unveröffentlichtes Typoskript vom 3. Mai
1979, einsehbar in der Südtiroler Landesbibliothek Tessmann, Signatur III Z 1.213.
102 Proporzgesellschaft ist immer mehr im Kommen (der Proporz ist die eigentlich „regulative
Idee“ der SVP-Autonomiepolitik); klassen- und gesellschaftsspaltende Tendenzen werden offenkun-
dig; ethnozentrische Prozesse überlagern soziale und politische Dynamiken (…) eine Optionsvolks-
zählung ist als allgemeines Bereinigungsmoment und Entmischungsakt angepeilt (und wird passieren,
wenn man sich nicht wehrt); der deutsche ebenso wie der italienische Nationalismus erscheint immer
mehr auch sozial „gerechtfertigt“: auf der einen Seite heißt’s „stark bleiben, damit wir weiterhin mehr
Stellen, Wohnungen, Haushaltsmittel usw. kriegen“; auf der anderen heißt’s „qui i tedeschi diventa-
no sempre più forti, bisogna unirsi anche noi per fargliela vedere o almeno per difenderci“. (…) Von
links her darf die Spaltung und gegenseitige Nicht-Einmischung nicht respektiert werden. Natürlich
muß die gegebene Autonomie als das Terrain anerkannt werden, auf dem man sich bewegt – aber we-
sentlicher ist, daß innerhalb der Arbeiterbewegung pro-autonomistische Positionen zugleich mit einer
linken Paketkritik heranwachsen. In anderen Worten: ja zu einer breiten (auch noch breiteren Auto-
nomie), nein zur Paket- und Proporzgesellschaft, insoweit sie arbeiterfeindlich und klassenspaltend
ist. Langer, Autonomie, Proporz, Arbeiterbewegung.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918