Seite - 458 - in Die schwierige Versöhnung - Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
Bild der Seite - 458 -
Text der Seite - 458 -
458
Thomas Riegler
Attentäter ums Leben. 57 Personen wurden verletzt. Wie das Nachrichtenma-
gazin profil zusammenfasste, handelte es sich um die größte internationale
Auseinandersetzung in Westeuropa seit dem Ende des 2. Weltkriegs8.
Kreisky war von Beginn an bestens über den BAS und dessen Absich-
ten im Bilde. Ein regelrechtes Netzwerk – darunter der aus Tirol stammende
Chef des Wiener staatspolizeilichen Büros Oswald Peterlunger – hielt den
Außenminister auf dem Laufenden9. In Kreiskys Nachlass findet sich ein
staatspolizeiliches Dossier zum BAS, das von viel Insiderwissen zeugt. Ent-
wicklung und Aufbau der Organisation werden „minutiös“ wiedergegeben,
so die Einschätzung des Südtiroler Journalisten und Historikers, Christoph
Franceschini: „Das Ganze liest sich wie eine Chronik des BAS. An vielen
Stellen wird klar, dass die Informationen direkt aus der illegalen Bewegung
selbst kommen müssen.“ Wer die Berichte zusammenstellte, darüber lasse
sich nur mutmaßen. Franceschini vermutet zwei Nordtiroler Polizeibeamte
als Verfasser – den Polizeiinspektor Franz Spörr und den Staatspolizisten
Ludwig Reiter. Beide hatten nicht nur mit dem BAS sympathisiert, sondern
waren auch in Aktionen eingeweiht10.
Wichtigster Informationsbeschaffer für Kreisky aber war der Nordti-
roler SPÖ-Landesrat Rupert Zechtl (1915–2015), der selbst von einem befreun-
deten Polizeibeamten Tipps erhielt11. In einem Schreiben vom 8. September
1959 – wenige Wochen nach Kreiskys Amtsantritt – hieß es:
Lieber Freund! Möchte Dich über eine in Südtirol bestehende Untergrund-
bewegung, die sich „BAS“ (Befreiungsausschuss für Südtirol) nennt, infor-
mieren. Der Befreiungsausschuss für Südtirol besteht aus einer Anzahl von
Südtirolern, die sich durch gegenseitige Eidesleistung verpflichtet haben, für
die Freiheit Südtirols bis zur letzten Konsequenz einzutreten.12
8 Horst Christoph, Feuernächte und Folterknechte, profil 20 (2011) 34–41, hier 34.
9 Herbert Lackner, Als die Masten fielen, profil 8 (1999) 42 ff., hier 43.
10 Christoph Franceschini, Bruno Kreisky und die Attentäter – Mythos und Wirklich-
keit, in: Pfeifer–Steiner, Kreisky 123–151, hier 140–145.
11 Ebd. 145.
12 Robert Zechtl an Bruno Kreisky, 8.9.1959. Stiftung Bruno Kreisky Archiv (künftig:
StBKA), Südtirol VII. 9, Box 3. (Rechtschreibfehler im Original durchwegs korrigiert).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918