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Was wusste Bruno Kreisky?
Zechtl wies darauf hin, dass der BAS auch bewusst gewalttätige Aktionen
einplane, um Aufmerksamkeit zu wecken:
Aus der Erkenntnis, dass die zwischenstaatlichen Verhandlungen zu kei-
nem Ergebnis führen und die Südtiroler Politiker nicht in der Lage sind, sich
durchzusetzen, beschloss der BAS eben durch Sabotageakte die Weltöffentlich-
keit auf sich zu lenken. […] Die Zahl der Anschläge beläuft sich bisher auf ca.
12, bei denen keine Menschenleben zu beklagen waren. Ferner wurden ver-
schiedene Flugzettelaktionen durchgeführt, in denen die Italiener aufgefordert
wurden, Südtirol zu verlassen und die Unterwanderung einzustellen. Der
für die Anschläge notwendige Sprengstoff wurde nicht gestohlen, sondern mit
eigenen Mitteln auf verschiedenen Baustellen italienischer Firmen angekauft.
Weiters besitzt der BAS einige Maschinengewehre, Maschinenpistolen, Hand-
granaten und Pistolen sowie Molotow-Cocktails. Bei diesen Waffen handelt es
sich durchwegs um solche der ehemaligen deutschen Wehrmacht.13
Dafür, dass sich Kreisky Südtirol auf die Fahnen schrieb, gab es zunächst
innenpolitisch motivierte Gründe, wie er später in seinen Memoiren fest-
hielt. Der neuerwachende österreichische Patriotismus habe der Südtirolfrage ein
beträchtliches Interesse entgegengebracht, weshalb er als Außenminister zu
verhindern versuchte, dass man aus meiner sozialistischen Haltung und meiner
kosmopolitischen Neigung, die manchmal mit meiner jüdischen Abstammung in Ver-
bindung gebracht wurde, die Schlussfolgerung zog, ich würde mich mit dem Südti-
rol-Problem nicht intensiv genug beschäftigten14. Mit dem Aufgreifen des Themas
konnten Kreisky und die SPÖ einen eigentlich konservativ-nationalen cause
célèbre besetzen und gewannen so abseits der traditionellen Anhängerschaft
an Glaubwürdigkeit. Der Einsatz für Südtirol verband sich mit einem damals
im Aufwind befindlichen Österreich-Bewusstsein und wirkte als Kristallisa-
tionspunkt der Identitätsbildung der jungen Nachkriegsdemokratie15.
Ein weiteres Motiv für Kreiskys Anteilnahme könnte mit dem An-
denken an den von ihm sehr verehrten Großonkel Joseph Neuwirth in Ver-
13 Ebd.
14 Bruno Kreisky, Im Strom der Politik. Der Memoiren zweiter Teil (Wien 1988) 148 f.
15 Hans Heiss, Bruno Kreisky und Südtirol – Facetten einer komplexen Beziehung, in:
Pfeifer–Steiner, Kreisky 9–23, hier 15.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918