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Thomas Riegler
bindung stehen. Dieser hatte sich als Abgeordneter im Reichsrat für die von
Unwetterkatastrophen heimgesuchte Bevölkerung in Südtirol eingesetzt16.
Aus der Biografie wird weiters deutlich: Kreisky zeichnete zeitlebens eine be-
sondere Affinität für Heimatlose und Vertriebene sowie für deren politische
Anliegen aus. Und so begegnete er auch dem BAS mit Sympathie und Ver-
ständnis. Kreiskys persönliche Erfahrung von Widerstand, Gefangenschaft
und Exil spielte dabei eine zentrale Rolle. Als er später Ende der 1970er Jahre
als einer der ersten westlichen Politiker für die „Palästinischen Befreiungs-
organisation“(PLO) Partei ergriff, sagte er bei einer gemeinsamen Pressekon-
ferenz mit PLO-Chef Jassir Arafat und Willi Brandt:
Wer einmal so wie ich im Ausland war zusammen mit Zehntausenden Öster-
reichern und für ein Land gesprochen hat, das es aber nicht mehr auf der Land-
karte gegeben hat, dessen Menschen aber existiert haben, ein solcher Flücht-
ling wie ich es einmal war, der hat ein besonderes Verständnis für Bewegungen
ähnlicher Art. Und ich fühle mich auch meiner eigenen Vergangenheit verant-
wortlich, und das ist mit ein Grund, warum ich in dieser Frage vielleicht ein
bisschen mehr tue als üblich.17
Nach den Februarkämpfen 1934 und dem Abdrängen der Sozialdemokratie
in den Untergrund war der damalige Jugendfunktionär Kreisky an der Grün-
dung der „Revolutionären Sozialistischen Jugend“ beteiligt gewesen: Diese
unternahm illegale Aktionen gegen das autoritäre Regime des Ständestaats,
indem etwa sozialistische Symbole an Schornsteinen befestigt oder Flug-
zettel gestreut wurden18. Ende Jänner 1935 wurde Kreisky von der Polizei
verhaftet und verbüßte wegen „Hochverrats“ eine viermonatige Arrest- und
eine einjährige Haftstrafe. Er verlor nicht nur seine Studienberechtigung in
Österreich, die Erfahrung der Isolation und der „Freiheitsberaubung“ wa-
ren für ihn „das ärgste, was ich bis dahin durchgemacht hatte“19. Zwei Tage
nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland, am 15. März 1938,
16 Wolfgang Petritsch, Bruno Kreisky. Die Biografie (St. Pölten 2010) 130.
17 Pressekonferenz Bundeskanzler Dr. Bruno Kreiskys, Willy Brandts und Jassir Arafats
vom 12.7.1979. StBKA, VII.4. Nahost, Box 8.
18 Auch schon eine Vergangenheit. Gefängnistagebuch und Korrespondenzen von Bru-
no Kreisky, hrsg. von Ulrike Felber (Wien 2009) 58.
19 Ebd. 64.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918