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Thomas Riegler
stilles Einverständnis, nicht über Details zu reden. Es sei von Anfang an ein poli-
tisch-menschliches Gespräch gewesen,
denn Kreisky hat sich von jedem den Lebenslauf schildern lassen. Besonders
beeindruckt war er von der Schilderung Sepp Kerschbaumers. Kreisky hat
dann seinen politischen Standpunkt in der Südtirolfrage erläutert und er hat
ehrlich und aufrichtig gesagt, dass in dieser Situation eine Grenzänderung in
Europa nicht möglich sein wird.36
Kreiskys Verbindung zur Führungsriege der BAS-Attentäter blieb über die
Jahre brisant. Schon am 23. Juli 1961 hieß es in einem Artikel in der „Neuen
Züricher Zeitung“:
Den Bemühungen eines in der Südtirolfrage gemäßigt denkenden Kreises der
Volkspartei, […], stellt sich eine Konstellation entgegen, in der der sozialis-
tische Außenminister Kreisky Seite an Seite mit den radikalen Nationalis-
ten Oberhammer [Landesrat Alois Oberhammer, ÖVP] und Gschnitzer
[Staatssekretär Franz Gschnitzer, ÖVP] steht. Der Kampf der Meinungen
ist noch nicht entschieden. Kreisky habe mit gemeinsam mit anderen
SPÖ-Regierungsmitgliedern in den verschiedenen Phasen des Aufbaus
einer Partisanenorganisation teils durch direkte Teilnahme, teils durch aktive
Vorschubleistung, teils durch mitwissende Duldung eine helfende Rolle ge-
spielt.37
Der Autor des Artikels, der Österreichkorrespondent Christian Kind, erin-
nerte sich 2010, dass ihm der Text durch den Chefredakteur des Bundespres-
sedienst, Hans Kronhuber, „praktisch diktiert“ worden sei: Das war eine par-
teiliche Sache, auch wenn die Anschuldigungen nicht unbegründet waren. Kreisky
entgegnete den Anschuldigungen im Rahmen einer Pressekonferenz am 26.
Juli 1961:
Ich kann nur immer wieder erklären, dass ich mich seit zwei Jahren bemühe,
eine Radikalisierung der Südtirolfrage zu verhindern. Ich habe vor der nun-
36 „Kreisky wusste nichts“, in: profil 47 (1991), 76.
37 Mosser-Schuöcker, Jelinek, Feuernacht 139.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918