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Thomas Riegler
gesetzt hatte, nie erreichen. Es fehlte an Geld, und es fehlte vor allem an Material. Man
brauchte Sprengstoff, Zündschnüre, Sprengkapseln und Zeitzünder56. In all diesen
Bereichen schafften die Nachschublinien nach Österreich Abhilfe. So wurde
ein Großteil des Sprengmaterials bei unbescholtenen Personen, die hauptbe-
ruflich mit gewerblichen Sprengstoff handelten, legal besorgt57. Außerdem
wurde aus Bauhütten an der Autobahn-Baustelle in Tirol gestohlen58. Was die
kritische Frage des Transports über die Grenze anging, so wälzte Pfaundler
anfänglich Pläne, den Sprengstoff mit Sportflugzeugen nach Südtirol zu bringen
und dort abzuwerfen. Doch dies, so protokollierte die Staatspolizei mit, habe
sich als schwer realisierbar erwiesen59. So lag es an Kurieren, den Sprengstoff
im Auto unter der Motorhaube und im Kofferraum versteckt über die Grenze
zu fahren. Hier taten sich vor allem Kurt Welser, das Ehepaar Molling und
einige Frauen von österreichischen BAS-Mitgliedern hervor. Im Sommer 1959
trafen die ersten Lieferungen ein – bis zum Sommer 1961 wurden insgesamt
drei bis vier Tonnen Sprengstoff (hauptsächlich Donarit I und II), Hunderte
von Sprengkapseln und Zeitzündern sowie mehrere Dutzend Gewehre über
den Brenner, den Reschen sowie über Osttirol nach Südtirol geschmuggelt60.
Aber was wäre das beste Material in den Händen von ungeschulten Unter-
grundkämpfern? Auch in diesem Punkt wurde von Österreich aus Abhilfe
geschaffen. „Politische Schulungskurse“ fanden anfangs in den Räumen des
Sitzes des Berg-Isel-Bundes in der Innsbrucker Herrengasse Nr. 3 statt. Die Vor-
träge hielt Widmoser persönlich. Anfang März 1960 hatte Welser einige der
Kursteilnehmer aus Südtirol bei sich zuhause in Natters zu Gast. Dabei kam
er auf das Thema Sprengungen zu sprechen:
Da ich während des Krieges in den Jahren 1943 auf 1944 gemeinsam mit mei-
nem Bruder und einem Nachbarn in der Umgebung des Elternhauses einen
Luftschutzbunker baute und wir dabei eine Höhle in den dort befindlichen
Felsen sprengen mussten und insgesamt ca. 200 Sprengungen durchgeführt
wurden, ich durch meine damalige Jugend an dieser Arbeit Gefallen fand und
56 Fontana, Mayr, Kerschbaumer 103.
57 Franceschini, „Molden hat sehr viel Geld hineingesteckt“, in: profil 47 (1991) 72–76, hier 74.
58 Peterlini, Bombenjahre 82.
59 Mappe BAS Informationen – Vertraulich, 1961. StBKA, Südtirol VII. 9, Box 3.
60 Franceschini, Sprengstoffanschläge 473.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918