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Thomas Riegler
Er war mit seinen früheren Kontaktleuten beim österreichischen Widerstand
zusammengetroffen, darunter mit Pfaundler. Mayer habe sich über die „Ver-
hältnisse in Südtirol“ erkundigt, mutmaßte die Staatspolizei:
Es ist anzunehmen, dass der amerikanische Nachrichtendienst auf diese Wei-
se sich ein Bild über die Verhältnisse in Südtirol verschaffen will. Da Pfaund-
ler sehr gut informiert ist und sonst als minderwertiger Charakter bezeich-
net werden kann, kann angenommen werden, dass es Mayer sicher gelungen
wird, von Pfaundler entsprechende Informationen zu erhalten. Mayer kün-
digt auch an, dass er künftiglich öfters nach Innsbruck kommen werde, um
seine alten Freunde zu besuchen.82
Zu Pfaundler existiert im online abrufbaren Dokumentenbestand, den die
CIA im Zuge des Nazi War Crimes Declassification Acts freigegeben hat, ein
schmales name file. Daraus wird ersichtlich, dass er bis Ende 1950 ein Agent
gewesen sein muss – die CIA ließ ihn aber fallen, nachdem man dahinter
gekommen war, dass er gleichzeitig eine wichtige Quelle des ehemaligen
SS-Hauptsturmführers Otto von Bolschwing war83. Dieser hatte unter dem
Decknamen USAGE ab 1947 zunächst für die Organisation Gehlen (ORG), Vor-
läufer des Bundesnachrichtendiensts (BND), und ab 1950 für die CIA in Wien
mehrere Informanten-Netzwerke aufgebaut. Pfaundler gehörte zum „CC
net“, dem Führungsstab Bolschwings und war mit diesem direkt in Kontakt.
Bemerkenswerterweise zählte zum „Socialist Party net“ auch Zechtl. Leiter
dieses Netzes war der Staatspolizist Oskar Modelhart84. Deshalb ist laut Fran-
ceschini nicht sicher, ob sich Zechtl bewusst war, dass seine Informationen
an ausländische Nachrichtendienste gingen: Tatsache ist, dass die CIA noch
1968 Rupert Zechtl in ihrer Personenkartei als ehemaligen Agenten des deutschen
Bundesnachrichtendienstes (‚BND former Agent‘) führte.85
82 Mappe BAS Informationen – Vertraulich, 1961. StBKA, Südtirol VII. 9, Box 3.
83 Agent Status Report, 27.11.1950, https://www.cia.gov/library/readingroom/docs/
PFAUNDLER%2C%20WOLFGANG%20VON_0013.pdf, letzter Zugriff: 14.11.2016.
84 Usage Status as of 15.6.1951, http://www.foia.cia.gov/sites/default/files/document_
conversions/1705143/BOLSCHWING%2C%20OTTO%20%28VON%29%20%20%20VOL.%20
1_0173.pdf, letzter Zugriff: 14.11.2016.
85 Franceschini, Bruno Kreisky und die Attentäter – Mythos und Wirklichkeit, in: Pfei-
fer, Steiner, Kreisky 123–151, hier 136 f.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918