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Was wusste Bruno Kreisky?
In einem weiteren CIA-Dokument vom 17. Juli 1961 ist die Rede davon, dass
Pfaundler Kopien eines Guerilla-Manuals an BAS-Mitglieder verteilt hat-
te. Dabei soll es sich um ein Handbuch gehandelt haben, dass eigentlich für
Agenten in Ostdeutschland produziert worden war86. Einige weitere Field In-
formation Reports zeigen, dass die CIA über viele Kontakte und Vorhaben der
„South Tyrolean extremist circles detailliert Bescheid wusste. So auch über die
Finanzierung des BAS durch Molden – in einem Kommentar der CIA-Station
in Wien von Ende 1960 wird festgehalten, dass letzterer laut einer Quelle bei
einer Besprechung mit BAS-Leuten seine Investition auf rund 400.000 Schil-
ling beziffert habe. Dies dürfe den österreichischen Behörden nicht bekannt
werden, weil ihm sonst daraus Probleme erwachsen könnten. Abschließend
erlaubten sich die Verfasser eine kleine „Spitze“ gegen Molden: In view of [Name
freiglassen] somewhat precarious financial situation, we wonder if this was all his mo-
ney in any case.87 Molden hatte wie Pfaundler während des Zweiten Weltkrieges
mit dem OSS-Bürochef in Bern, Allen Dulles, zusammengearbeitet. Während
eines USA-Aufenthalts Ende der 1940er Jahre stellte ihm dieser seine Tochter
Joan vor. Im Frühling 1948 wurde geheiratet, aber es war eine Verbindung, die
sich vor allem für Brautvater und Schwiegersohn auszahlte. So sei Molden, der
zurück in Österreich zum Sekretär von Außenminister Karl Gruber aufstieg,
für Dulles eine wichtige nachrichtendienstliche Verbindung gewesen. 1954
ließ sich Joan Dulles scheiden88, aber der Draht zwischen ihrem Vater, der 1953
zum Direktor der CIA aufgestiegen war und Molden blieb bestehen. Gerüchte,
wonach Dulles und die CIA bei der Etablierung des „Presseimperiums“ eine
Rolle spielten, wollten trotz Dementis nie verstummen. Und es ist gut mög-
lich, dass Molden – so wie Franceschini vermutet – als Informations-Relais in
Sachen Südtirol geradezu prädestiniert war. Und zwar nicht nur zu den Stellen
in Wien, sondern auch zur CIA89. So fasst ein Memorandum des Geheimdiensts
86 Field Information Report, 17.7.1961, https://www.cia.gov/library/readingroom/docs/
PFAUNDLER%2C%20WOLFGANG%20VON_0026.pdf, letzter Zugriff: 14.11.2016.
87 Field Information Report, 23. November 1960, https://www.cia.gov/library/reading-
room/docs/PFAUNDLER%2C%20WOLFGANG%20VON_0024.pdf, letzter Zugriff: 14.11.2016.
88 David Talbot, The Devil’s Chessboard. Allen Dulles, the CIA, and the Rise of Ameri-
ca’s Secret Government (London 2016) 137 f.
89 Christoph Franceschini, Zwischen Rom, Wien und Langley. Die Geschichte der Süd-
tirol-Attentate in den 60er Jahren und die Rolle der italienischen und amerikanischen Nach-
richtendienste rund um den „Befreiungsausschuss Südtirol“, in: Italien, Österreich und die
Bundesrepublik Deutschland in Europa. Ein Dreiecksverhältnis in seinen wechselseitigen
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918