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Was wusste Bruno Kreisky?
4. Bombenpolitik
Damit zurück zum angeblichen „Einverständnis“ Kreiskys mit dem BAS. Die-
ses muss vor allem im Zusammenhang mit der jeweiligen Entwicklungsstufe
des Südtirolkonflikts betrachtet werden: 1959/1960, als die Treffen zwischen
dem Außenminister und der BAS-Spitze stattfanden, hatte die Aktivsten mit
ihren Plänen noch nicht Ernst gemacht. Aber die Vorbereitungen zu einem
baldigen Losschlagen waren voll im Gang93. Laut österreichischen Polizeiver-
merken standen 250 BAS-Leute bereit – andere Schätzungen gehen von 150
Mitgliedern in Südtirol aus94. Kreisky wiederum hatte am 21. September 1959
einen ersten diplomatischen Erfolg verzeichnet: Der Leitungsausschuss der
UNO-Generalversammlung nahm die Südtirolfrage als „Beschwerdefall“ auf
die Tagesordnung der Debatte im Oktober 1960. Das bedeutete einen wichti-
gen Schritt zur Internationalisierung der Angelegenheit. Um die große Bühne
bei der UNO zu nutzen und den österreichischen Forderungen Nachdruck
zu verleihen, kam es darauf an, eine entsprechende Kulisse aufzubauen.
Und genau dafür dürften die Anschläge einkalkuliert worden sein. Erfolg-
versprechende Vorbilder dafür gab es zum damaligen Zeitpunkt genug: Der
Südtirolkonflikt fiel in die Zeit der Entkolonialisierung. An mehreren Fron-
ten war es Befreiungsbewegungen gelungen, überlegene Kräfte zu besiegen.
Und zwar indem sie auf asymmetrische Kriegsführung (Guerilla, Terroris-
mus) setzten und damit die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf sich
lenkten. Bereits in den 1940er Jahren hatten jüdische Gruppen so einen er-
folgreichen Kampf gegen die britische Mandatsverwaltung in Palästina ge-
führt. 1954 entzündete sich der Algerienkrieg, der sich bis 1962 hinziehen
sollte und in einem Sieg der „Nationalen Befreiungsfront“ (FLN) endete. Die
größte Wirkung auf den BAS übte aber das Beispiel Zypern aus: Zwischen
1955 und 1959 erkämpfte die „Nationale Organisation zyprischer Kämpfer“
(EOKA) unter General Georgios Grivas das Ende der britischen Herrschaft.
Wie Rupert Zechtl schon 1959 an Kreisky berichtete, hatte sich der BAS sogar
direkt an Grivas gewandt:
93 Rolf Steininger, Südtirol zwischen Diplomatie und Terror 1947–1969, Band 3: 1962–
1969 (Bozen 1999) 254.
94 Peterlini, Bombenjahre 118.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918