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Was wusste Bruno Kreisky?
amts, Martin Fuchs, über „radikale Südtirolpläne“ schwadroniert: Es sollten
Zusammenstöße mit der Polizei provoziert werden, die dann das Signal zu
Sprengstoffanschlägen bilden sollten, „wahrscheinlich gegen Kraftwerke, die
schon ausgesucht seien“. Die Aktion sollte im Herbst 1960 zeitlich mit Kreis-
kys Auftritt vor Generalversammlung der UNO zusammenfallen. Fuchs ant-
wortete, dass er
das alles nicht gehört habe, gebe aber zu, dass auf Verhandlungsweg und vor
internationalen Behörden wahrscheinlich nicht einmal Autonomie zu errei-
chen wäre. Trotzdem müsse man aus taktischen und optischen Gründen die
Verhandlungen bis zum Herbst auslaufen lassen. Die Frage sei die, wie viele
Menschenleben müsse man opfern, um etwas zu erreichen, was auf anderen
Weg unter keinen Umständen zu erreichen wäre?100
Kleinere Sprengstoffanschläge, so wie es sie in Südtirol seit den 1940er Jahren
immer wieder sporadisch gegeben hatte, erschienen als zu wenig spektaku-
lär. Klotz und Pfaundler schwebte die Bildung von kleinen Kampfeinheiten
vor, die einen regelrechten Guerillakrieg führen sollten101. Der Südtiroler BAS
konnte bis auf wenige Ausnahmen mit diesen Planspielen wenig anfangen:
Der überzeugte Katholik Kerschbaumer lehnte die Steigerung auf ein Ge-
waltniveau, das Menschenleben gefährden konnte, ab. Außerdem wollte er
keine Überreaktion provozieren und plädierte für eine Taktik der „Nadel-
stiche“, die er auch erfolgreich durchsetzen konnte102. Nun rückte die Frage,
wann genau der BAS auf diese Weise losschlagen sollte, in den Mittelpunkt
der Diskussionen. Am 25. Juli 1960 fand eine Sitzung des BAS-Führungsgre-
miums statt. Was gesagt wurde, lässt sich anhand der staatspolizeilichen Be-
richte gut nachvollziehen:
Die Südtiroler wurden aufgefordert, sich auf ein Losschlagen im Septem-
ber vorzubereiten. Pfaundler führte dazu aus, dass sicherlich anlässlich der
UNO-Debatte viele internationale Journalisten nach Südtirol kommen wer-
100 Mosser, Schuöcker, Jelinek, Feuernacht 41.
101 Peterlini, Bombenjahre 90 f.
102 Fontana, Mayr, Kerschbaumer 117.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918