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Was wusste Bruno Kreisky?
ein nicht mehr gutzumachendes Unrecht setzen; er könne daher einen soforti-
gen Aktionsbeginn nicht verantworten.106
Auch bei der nachfolgenden Sitzung am 8. Dezember 1960 plädierten Ba-
cher und Molden dafür, noch zuzuwarten, fanden nun aber keinen Rückhalt
mehr, worauf sie ihre Funktionen zurücklegten. In seinen Erinnerungen be-
tonte Molden:
Wir konnten uns nicht durchsetzen, und wie sich in den folgenden Jahren und
Jahrzehnten herausstellte, war die Entscheidung, loszuschlagen richtig und
hat schließlich – wie ich heute überzeugt bin – nicht nur den Südtirolern ein
großes Maß an zusätzlicher Freiheit und Selbstbestimmung gebracht, sondern
auch Italien einen Krisenherd erspart, der langfristig wohl nicht zu vermei-
den gewesen wäre.107
Wenige Tage nach dem Treffen, am 21. Dezember 1960, erschien ein für Mol-
den kompromittierender Artikel im „Spiegel“. Unter dem Titel „Freikorps
Fleischmarkt“ wurde er als wesentlicher Drahtzieher hinter dem BAS geoutet,
der „annähernd sechs Millionen Schilling“ in das Projekt investiert habe108.
Bei der diesbezüglichen Einvernahme dementierte Molden freilich alles:
Ich bin von Beruf Journalist und Zeitungsherausgeber und als solcher – wie
schon erwähnt – an der politischen Entwicklung für ein freies Südtirol sehr
interessiert. Es ist jedoch niemals meine Aufgabe gewesen, noch verfüge ich
in diesem Zusammenhang über irgendwelche Vorkenntnisse, mich mit dem
Transport oder der Anwendung von Sprengstoffen in Südtirol zu beschäftigen
oder etwa solche Transporte zu finanzieren. Als Kulturmensch lehne ich im
Übrigen Gewalttaten ab.109
Der Auftakt für die „Nadelstiche“ erfolgte bereits am 10. Dezember 1960 –
Luis Amplatz legte eine Sprengladung an einem Volkswohnhaus in Bozen,
106 Mappe BAS Informationen – Vertraulich, 1961. StBKA, Südtirol VII. 9, Box 3.
107 Molden, Österreich 150.
108 Inge Cyrus, Freikorps Fleischmarkt, in: Der Spiegel 52 (1960) 40 ff.
109 Niederschrift, 24.2.1961. ÖSTA, AdR, BMI, 24.451 – 2B/61, Bl. 18–35.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918