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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
Ereignisse – aufgrund derer die italienische Führungsschicht über Jahre
hinweg in einen offenen Konflikt mit Österreich und Westdeutschland trat,
wobei Österreich die Tiroler Irredentisten stillschweigend duldete und West-
deutschland mit dem Kampf der deutschsprachigen Südtiroler sympathisier-
te – auf Politiker wie Andreotti hatten, indem sie die Vorstellung verfestigten,
der deutsche Nationalismus sei gefährlich und destabilisierend für Italien
und Europa, ist keinesfalls zu unterschätzen.
Als Verteidigungsminister war Andreotti eine der Hauptfiguren im
Kampf gegen den Tiroler Terrorismus und nahm persönlich an den schwieri-
gen Verhandlungen mit der Südtiroler Volkspartei (SVP) und Österreich teil.
Aus den Akten können wir entnehmen, dass sich bei Andreotti zu jener Zeit
ein Sinneswandel hinsichtlich der Südtirolfrage vollzog. Als Staatssekretär
im Amt des Ministerpräsidenten erwies er sich zuerst als starker Verfechter
einer zentralistischen Vorstellung des Staates und legte Einstellungen an den
Tag, die typisch für einen konservativen italienischen Nationalismus waren.
In den 1960er-Jahren befürwortete er jedoch die von Aldo Moro verfolgte
Strategie des Dialogs und des Kompromisses mit Österreich und der SVP,
deren Ziel es war, eine starke Autonomie für die Provinz Bozen zu gewähr-
leisten. Im Ministerrat sprach er sich für Friedensverhandlungen aus, welche
die SVP zu einer Kompromisslösung bewegen und viele ihrer Forderungen
erfüllen sollten7.
Bei einem Treffen in Kopenhagen am 30. November 1969 trafen die
beiden Außenminister Aldo Moro und Kurt Waldheim Vereinbarungen dar-
über, wie sie den 1960 vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen
begonnenen Streit beizulegen gedachten8. Die beiden Außenminister be-
ca della questione dell’Alto Adige; Gehler, Österreichs Außenpolitik der Zweiten Republik;
Luciano Monzali, Mario Toscano e la politica estera italiana nell’era atomica (Firenze 2011)
146 ff.; Federico Scarano, Le origini della Commissione dei 19 e il suo significato, in: Dialogo
vince violenza. La questione del Trentino Alto Adige/Südtirol nel contesto internazionale,
hrsg. von Giovanni Bernardini, Günther Pallaver (Bologna 2015) 233–270. Interessant ist die
Dokumentensammlung: Akten zur Südtirol-Politik 1959–1969, 7 Bde. (Innsbruck–Wien–Bol-
zano 2005–2013), hrsg. von Rolf Steininger.
7 Archivio Centrale dello Stato, Roma, Carte Aldo Moro, serie III, sottoserie 3, b. 65,
Ministero Degli Affari Esteri, Direzione Generale degli Affari Politici, Anmerkung: Ver-
sammlung vom 22. November 1965 um 10:30 Uhr beim Ministerpräsidenten, Beilage Gaja an
Pompei, 7. Dezember 1965.
8 Siehe dazu Akten zur Südtirol-Politik 1959–1969, 7, Außenministerkonferenz in Ko-
penhagen, 30. November 1969, doc. 229.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918