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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
Phase der nationalen Solidarität einige Jahre lang keinen Ministerposten be-
kleidet hatte, übernahm unter der Regierung Craxi das Amt des Außenminis-
ters, das er auch noch unter den nachfolgenden Kabinetten Fanfani, Goria und
De Mita bis Juli 1989 innehatte. In diesen Jahren drückte Andreotti der italieni-
schen Außenpolitik seinen Stempel auf31, obwohl er gemeinsam mit Minister-
präsident Craxi die Erarbeitung politischer und strategischer Entscheidungen
absprechen und internationale Krisen bewältigen musste. Als Außenminister
wurde Andreotti von Diplomaten, die vor allem seine Ernsthaftigkeit und sein
Engagement sowie seinen analytischen Geist lobten, sehr geschätzt.
Die Beziehung zwischen Wien und Rom verstärkten sich weiterhin
mit häufigen Besuchen und Treffen zwischen den Vertretern beider Regie-
rungen. Der österreichische Botschafter in Rom, Friedrich Frölichsthal, der
als profunder Kenner Italiens galt, setzte sich intensiv für eine Verbesserung
der Beziehungen zwischen beiden Staaten ein. Ein wichtiges Zeichen setzten
in diesem Zusammenhang Craxi und Andreotti im Februar 1984 bei ihrem
Besuch in Wien. Seit mehr als einem Jahrhundert hatte kein italienischer Mi-
nisterpräsident mehr die österreichische Hauptstadt besucht. Diese Initiative
stellte eine starke Geste im Rahmen der bilateralen Beziehungen dar. Eine
Reise, um „das Eis zu brechen“: So definierten manche Presseorgane den Be-
such Craxis und Andreottis in Wien32.
31 Andreotti umgab sich als Außenminister mit Beratern und Mitarbeitern, die eine ge-
wichtige Rolle in der italienischen Außenpolitik spielten. Umberto La Rocca war als diplo-
matischer Berater des Ministers bis 1985 tätig. Nach La Roccas Pensionierung stieg Luigi
Guidobono Cavalchini zum Experten im außenpolitischen Bereich an der Seite Andreottis
auf. Cavalchini war Chef des Kabinetts Andreottis für das Außenministerium. Francesco
Malfatti di Montretto hingegen blieb einige Jahre lang bis zu seiner Pensionierung als Gene-
ralsekretär im Außenministerium. Dieser zeichnete sich als eine unkonventionelle Persön-
lichkeit in der italienischen Diplomatie aus. Er war ein Adeliger aus Trient und ein sozialis-
tischer antifaschistischer Kämpfer, der seine Karriere als Politiker nach dem Zweiten Welt-
krieg begann. Er war diplomatischer Berater Saragats im Quirinal, dann Botschafter in Paris
und Generalsekretär im Außenministerium Ende der 1970er-Jahre. Als Malfattis Nachfolger
wählte Andreotti Renato Ruggiero zum Generalsekretär. Er war lange in Brüssel tätig und
verfügte durch seine fundierten europapolitischen Kenntnisse und aufgrund seines breiten
internationalen Netzwerkes über großes Prestige. Generalsekretär Ruggiero, der mit Craxi
verbunden war, geriet bald in Konflikt mit Andreotti. Nach den Wahlen im Jahr 1987 ver-
ließ Ruggiero die Diplomatie und wurde zum Außenhandelsminister im Kabinett Goria. An
seiner Stelle ernannte Andreotti Bruno Bottai zum Generalsekretär. Dieser war bereits Leiter
der Abteilung für auswärtige Angelegenheiten sowie ein Vertrauter von Außenminister Co-
lombo, der dieses Amt bis 1993 innehatte, gewesen.
32 Giorgio Battistini, Craxi ha offerto soldati italiani alle truppe Onu per il Libano, in: La
Repubblica (17. Februar 1984). Für eine Beschreibung des Besuchs von Craxi und Andreotti
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918