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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
langte, hatte der Anspruch der SVP, diesen Bereich unter die Zuständigkeit
der Provinz Bozen fallen zu lassen, zu Verzögerungen bei den Arbeiten der
gemischten Kommission geführt.
Der italienische Botschafter in Wien, Girolamo Nisio, blieb trotzdem
misstrauisch gegenüber dem österreichischen Establishment. Nisio kritisierte
nämlich die Tatsache, dass Wien die Ratifizierung des österreichisch-italieni-
schen Abkommens von 1971 über die Änderung des Artikels 27 Ziffer a) der
europäischen Konvention für die friedliche Streitbeilegung weiter hinauszö-
gerte. Außerdem hielt er es für unpassend, dass in der Öffentlichkeit ständig
zur Einhaltung des Selbstbestimmungsprinzips der Südtiroler Bevölkerung
aufgerufen wurde. Insofern schuf der Besuch von Craxi und Andreotti im Fe-
bruar 1984 ein neues Klima für das österreichisch-italienische Verhältnis, wo-
bei es offensichtlich wurde, dass Österreich viel daran gelegen war, die Bezie-
hungen mit Italien auch im Zuge der erwünschten Annäherung an die europäische
Gemeinschaft zu verbessern. Die Österreicher sehnten sich zwar nach einer
raschen Lösung der Südtirolfrage durch die Umsetzung des Pakets; sie zeig-
ten aber Verständnis dafür, dass Italien aus rechtlicher Sicht Schwierigkeiten
hatte. Die Südtirolfrage blieb also ein sehr umstrittenes Thema in Österreich
und die Regierung in Wien konnte nicht ignorieren, dass Tirol starkes In-
teresse daran hatte, die kulturelle und geistige Beziehung zwischen beiden
Teilen Tirols zu intensivieren – und dies nicht ohne politische Hintergedanken.
Die sich daraus ergebende Aktion – so Nisio – erfolgt auf der Grundlage der
im Pariser Abkommen festgeschriebenen Einhaltung der Südtiroler Autono-
mie und deren Ausdehnung durch die im „Paket“ enthaltenen Bestimmun-
gen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Autonomie weiterhin als optimale
Lösung erachtet wird: Für manch einen könnte die Ausübung des Selbstbe-
stimmungsrechts (welches für die Südtiroler und für Österreich selbst im
Namen der Südtiroler unverzichtbar ist) in nicht absehbarer und jedoch an-
nehmbarer Zukunft die beste Lösung sein; für manch anderen hingegen könn-
te eine Auflösung der nationalen Grenzen zugunsten einer umfangreicheren
Europäische Union die beste Variante darstellen. Dass solche Tendenzen in
Österreich ziemlich verbreitet und von den offiziellen Kreisen vertreten wer-
den, zeigte sich anhand der vagen Antworten seitens der Regierung und der
ÖVP hinsichtlich des bekannten Steiner-Falls kurz vor dem offiziellen Besuch
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918