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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
Jahresende erschien nun wahrscheinlich. Das einzige und letzte Hindernis
auf diesem Weg war die SVP. Ein Teil der Südtiroler Volkspartei äußerte sich
besorgt über die Zeit nach der Verwirklichung des Pakets, da befürchtet wur-
de, Italien könne einige seiner Zugeständnisse rückgängig machen und Ös-
terreich habe nach der Streitbeilegungserklärung eine geringere Schutzmacht
über Südtirol. Daher waren viele gegen das Vorhaben Wiens, die Lösung des
Konflikts mit Rom zu beschleunigen, und forderten, den Schutz der deutsch-
sprachigen Bevölkerung Südtirols international zu verankern. Die SVP war
de facto gespalten: auf der einen Seite Landeshauptmann Silvius Magnago
und seine Anhänger, die den Wünschen Wiens nachkommen und das Paket
zum Abschluss bringen wollten; auf der anderen der Flügel, der von Alfons
Benedikter, Mitglied des Bozener Provinzialausschusses, angeführt wurde
und Kritik an der angeblichen Fügsamkeit des alten Obmanns der SVP übte.
Die Situation innerhalb der Partei wurde noch kritischer, als Magnago be-
schloss, sich aus der Führung der SVP und dem Bozener Provinzialausschuss
zurückzuziehen, um einer neuen Generation von Politikern Platz zu machen.
Im September 1988 berichtete Bruno Bottai, der Generalsekretär des Außen-
ministeriums, an Andreotti, dass Magnago gegenüber dem Minister geäußert
habe, er befinde sich durch Benedikters Kritik in großer Bedrängnis, sei aber
trotzdem bereit, auf dem Kongress der SVP Ende des Jahres die Annahme des
Pakets zu fordern45. Doch aufgrund der Verzögerungen durch den italieni-
schen Gesetzgeber und der innenpolitischen Spannungen der SVP (Magnago
erhielt mit seiner Linie die Mehrheit, Benedikter trat aus der SVP aus und
gründete eine neue radikale Südtiroler Partei, die „Liste für Südtirol“) zöger-
te sich die Billigung des Pakets noch weiter hinaus.
Im Laufe der Jahre 1988 und 1989 wurde der EWG-Beitritt für die Re-
gierung in Wien notwendiger denn je. Der EWG-Markt entwickelte sich zu-
sehends lebendiger und dynamischer. Der sich in Mittel- und Osteuropa voll-
ziehende Wandel deutete darauf hin, dass Österreich seine politische Neut-
ralität überwinden und der EWG beitreten musste, um die sich ergebenden
Chancen nützen zu können. Am 7. Jänner 1989 traf sich Andreotti erneut mit
Mock, diesmal in Paris am Rande der Internationalen Konferenz über das
Verbot von Chemiewaffen. Die beiden Minister sprachen über die Südtirol-
45 ILS, AA, Trentino–Alto Adige, b. 21, Bruno Bottai, Anmerkung für den Minister, 22.
September 1988.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918