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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
ben und die separatistischen Spannungen in Jugoslawien schüren könnte53.
Die Versuche, den deutschen Wiedervereinigungsprozess zu verlangsamen,
erwiesen sich freilich als vergebens, insbesondere in Anbetracht der Tatsa-
che, dass die Vereinigten Staaten die Kohl’sche Politik unterstützten und die
Idee der Wiedervereinigung bei der Mehrheit der DDR-Bevölkerung auf große
Zustimmungstieß. Als die italienische Regierung, wenn auch mit einer gewis-
sen Verspätung, einsah, dass der deutsche Wiedervereinigungsprozess unauf-
haltsam war, handelte sie pragmatisch und beschloss, die politische Strategie
Frankreichs nachhaltig mitzutragen, welche darauf abzielte, die Unterstützung
der Kohl’schen Wiedervereinigungspläne an den Prozess einer weiter gefass-
ten europäischen Integration zu knüpfen beziehungsweise zur Bedingung zu
machen54. Wenn Italien einerseits von den internationalen Verhandlungen über
die deutsche Wiedervereinigung ausgeschlossen wurde, konnte es sich jedoch
andererseits eine bedeutende Rolle in den zwischenstaatlichen Verhandlungen
sichern, die zur Lancierung des Projekts einer europäischen Währungs- und
politischen Union führte, was dann im Februar 1992 den in Maastricht unter-
zeichneten Vertrag über die Europäische Union nach sich zog55.
Im Sommer und Herbst 1989 erklärte Andreotti öffentlich, dass Italien
die Aufnahme Österreichs in die Europäische Gemeinschaft befürworte. Er
53 Dazu siehe die klare Analyse der deutschen Diplomatie bzgl. Andreottis Stellungnah-
me über die deutsche Lage: Die Einheit (hiernach DE). Das Auswärtige Amt, das DDR-Au-
ßenministerium und der Zwei-plus-Vier Prozess (Göttingen 2015), Vorlage des Referatsleiters
203, Kuhna, für Staatssekretär Sudhoff, 18. Dezember 1989, doc. 32. Auf die Einstellung der
römischen Regierung gegenüber der deutschen Wiedervereinigung finden sich interessante
Hinweise im Tagebuch des Botschafters: Ludovico Ortona, La svolta di Francesco Cossiga.
Diario del Settennato (1985–1992) (Torino 2016), insbesondere 251 ff. Im Tagebuch wird auf
die gegensätzlichen Meinungen hinsichtlich der Stellungnahme Italiens zur Wiedervereini-
gung Deutschlands hingewiesen, und zwar auf die Auseinandersetzung zwischen Andreot-
ti, der gegenüber der Bonner Politik skeptisch und misstrauisch war, und dem italienischen
Präsidenten der Republik Cossiga, der hingegen die Politik von Helmut Kohl unterstützte.
Zur historischen Literatur siehe Varsori, L’Italia e la fine della guerra fredda. La politica es-
tera dei governi Andreotti (1989–1992); Leopoldo Nuti, Italy, German Unification and the End
of the Cold War, in: Europe and the End of the Cold War: A Reappraisal, hrsg. von Frédéric
Bozo, Marie-Pierre Rey, N. Piers Ludlow, Leopoldo Nuti (London 2008) 191–203.
54 Siehe dazu DE, Gespräch des Bundesministers Genscher mit dem italienischen Minis-
terpräsidenten Andreotti und Außenminister de Michelis in Rom, 21. Februar 1990, doc. 56.
55 Zu den Verhandlungen, die dann die Unterzeichnung des Maastricht-Vertrags herbei-
führten, bleibt die beste Analyse nach wie vor jene von Kenneth Dyson, Kevin Feathersto-
ne, The Road to Maastricht. Negotiating Economic and Monetary Union (Oxford New York
1999). Siehe dazu auch Jown W. Young, Britain and European Unity 1945–1999 (Houndsmill
2000) 150 ff.; Varsori, L’Italia e la fine della guerra fredda. La politica estera dei governi An-
dreotti (1989–1992).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918