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Giulio Andreotti, die Südtirolfrage und Österreich (1972–1992)
sehr positiv ab. Das Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner lag deutlich über
dem europäischen Durchschnitt. Kleine und leicht lösbare Probleme betra-
fen die österreichischen staatlichen Beihilfen an die Eisen- und Stahlindus-
trie und an die Automobilindustrie sowie die nicht ganz leichte Anpassung
Österreichs an die EWG-Landwirtschaftspolitik. Schwierig war die Bewälti-
gung von Problemen – so die Kommission – wie Transitverkehr und Neutrali-
tät. Laut der Kommission müsse Österreich im Falle eines Beitritts auf seine
restriktive Politik hinsichtlich des internationalen Straßenverkehrs verzichten
und das acquis communautaire umsetzen. Beim Einreichen des Beitrittsantrags
an die Europäische Gemeinschaft hatte die Regierung in Wien deutlich zu ver-
stehen gegeben, seinen Status als neutrale Macht aufrechterhalten zu wollen;
dies wies aber Kompatibilitätsprobleme mit dem bestehenden gemeinschaft-
lichen System auf, vor allem dann, wenn die EG beschlossen hätte, infolge der
bei der bilateralen Konferenz gefassten Beschlüsse über die politische Union
eine eigene Auslands- und Sicherheitspolitik zu definieren. Es sollten Beitritts-
verhandlungen vermieden werden, solange es keinen europäischen Binnen-
markt gab und solange die Ergebnisse der zwischenstaatlichen Beratungen
bezüglich der monetären und politischen Union nicht ratifiziert waren.
Obwohl die österreichische Regierung einen Zusammenhang zwi-
schen der Aufnahme in die EG und der Südtirolfrage bestritt60, war die Tat-
sache, dass Österreich weiterhin Grenzstreitigkeiten mit dem Mitgliedsstaat
Italien unterhielt, ein Handicap in Bezug auf das Verhältnis zwischen Öster-
reich und der Europäischen Gemeinschaft. Rom und Wien sahen den Süd-
tirol-Streit zwar als ein Relikt der Vergangenheit an, der Beilegung stand
jedoch die diffizile politische Lage in Süd- und Nordtirol im Wege, wo für
nationalistisch eingestellte Kreise eine Streitbeilegungserklärung vor der
UNO gleichbedeutend war mit einem österreichischen Verzicht auf das Prin-
zip der Einheit Tirols. Vertreter der Tiroler Volkspartei forderten, Italien solle
ein theoretisches Recht der Tiroler auf Selbstbestimmung anerkennen und
schlugen vor, eine Europaregion Tirol zu schaffen, um die geistige und politi-
sche Tiroler Einheit wiederherzustellen. In Südtirol herrschte eine schwierige
Situation, insbesondere aufgrund der politischen Übergangsphase innerhalb
60 Siehe dazu z. B. die Erklärungen Peter Jankowitschs, dem Staatssekretär für die euro-
päische Integration: ILS, AA, Trentino-Alto Adige, b. 21, Quaroni an den Außenminister, 22.
Oktober 1991.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918