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Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino
terreich, die auch über diesen Kanal Ausdruck gewinnen. Sie erscheint als
ein Sensor des seit dem EU-Beitritt Österreichs 1995 offiziell intensiven und
optimalen Verhältnisses beider Länder, das aber atmosphärisch keineswegs
reibungsfrei verläuft.
Die Euregio ist aber auch Ausdruck der wachsenden, Grenzen über-
schreitenden Kooperation zwischen EU-Staaten. Die Kooperation über
Grenzen hinweg stärkt die Integration der Union und festigt die Bedeutung
scheinbar peripherer, oft entlegener Regionen fern der Zentren. Sie macht
deutlich, dass die Rolle der Nationalstaaten zwar auch im Kontext der EU
weiterhin stark bleibt, dass sich aber ohne Ausbau der regionalen Dimension
die EU bürgerfern und wenig partizipatorisch entwickelt. Dabei ist die Rolle
der Regionen zwar zu stärken, der Blick auf sie zeigt aber auch die Risiken
einer Überschätzung regionaler Akteure. Deren Dynamik, Handlungsstärke
und Motivation stehen oft genug auch Lokalismus und Eigensinn mit triba-
listischen Züge gegenüber1.
So erwachsen im Rahmen der Euregio zwar große Erfolgschancen, sie
zeigen aber auch jene Risse und Problemzonen, die sich innerhalb der EU ma-
nifestieren. Und der Blick auf die Euregio belegt auch keine natürliche Solida-
rität von Regionen, sondern ein gerüttelt Maß an Rivalität regionaler Akteure.
2. „Dem Land Tirol die Treue?“ – Unsichtbare
Grenzen innerhalb der Europaregion
Dass die Kooperation in der Europa-Region zwar nach außen hin als eng und
vertrauensvoll gilt, im Lebensalltag aber auch von Unwuchten und Missver-
ständnissen, ja sogar von Gleichgültigkeit und Ablehnung begleitet ist, be-
legt schlaglichtartig eine kleine Episode von Februar 2017, entnommen dem
Bereich des Sports.
So wurde die Siegerin der Kombination bei den Alpinen Schiwelt-
meisterschaften in St. Moritz, die Tirolerin Stephanie Venier, anlässlich ihrer
Siegesfeier bei einem peinlichen Ausrutscher ertappt. Denn beim Absingen
1 Anregend: Massimiliano Livi, Neotribalismus als Metapher und Modell. Konzeptio-
nelle Überlegungen zur Analyse emotionaler und ästhetischer Vergemeinschaftung in post-
traditionalen Gesellschaften, in: Archiv für Sozialgeschichte 57 (2017) 365–383.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918