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Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino
prägt, da auf diese Weise die Eigenständigkeit des Trentino im italienischen
Kontext nachdrücklich betont werden kann.
Trotz des betont engen Verhältnisses zwischen den Ländern und eines inten-
siven Reiseverkehrs3 beiderseits des Brenners gilt: Die Differenzen zwischen
Tirol und Südtirol haben sich unbeschadet aller Beteuerungen enger Zusam-
mengehörigkeit und Kooperation längst tief eingegraben. Die in Jahrzehnten
unterschiedlich gewachsenen Verhältnisse in Politik, Gesellschaft und Kultur,
Traditionen und Lebensformen, werden zwar offiziell nie als Problemzonen
angesprochen, sind aber bei näherer Betrachtung keinesfalls zu leugnen. Die
Abtretung Südtirols und des Trentino an Italien 1918 wurde beiderseits der
Staatsgrenze zwar Jahrzehnte lang als schmerzlicher Verlust empfunden, in-
zwischen aber äußert sich der Trennungsschmerz nur mehr bei einer Minder-
heit auf beiden Seiten. Dagegen bestimmen in überwiegendem Maß nicht nur
Pragmatismus, aber auch Gleichgültigkeit, wenn nicht Zufriedenheit mit der
Situation der Trennung das Feld. So genügt der Blick in das Südtiroler „Sprach-
barometer“ von 2014, das auch die territoriale, ethnische und nationale Zuge-
hörigkeit nach Südtiroler Sprachgruppen erhebt: Nur 9,2% der Deutschspra-
chigen begreifen sich als „Tiroler/in“, während 80,7% ihre Zugehörigkeit zu
Südtirol unterstreichen; bei Italienisch oder Ladinisch Sprechenden schrumpft
der Tirol-Wert auf 0,8 bzw. 2,6% ein4.
Umso erstaunlicher daher, dass bis jetzt noch keine wissenschaftliche
Untersuchung vorliegt, die das Auseinanderstreben und die Entfremdung
der Landesteile sozialwissenschaftlich und kulturhistorisch fundiert in den
Blick nimmt5.
Während etwa das Verhältnis Deutschland–Österreich oder die Be-
ziehung Deutschland–Italien immer wieder beachtliche Aufmerksamkeit er-
fahren6, sind die wechselseitigen Vorstellungen, Stereotypen und Zerrbilder
3 Vgl. Christian Traweger, Günther Pallaver, Kommunikation, Kooperation, Integra-
tion in der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino. Die Meinung der Bevölkerung (Innsbruck
2014) 46–49.
4 Südtiroler Sprachbarometer. Sprachgebrauch und Sprachidentität in Südtirol, hrsg.
von der Autonomen Provinz Bozen – Südtirol Landesinstitut für Statistik (= ASTAT Schrif-
tenreihe 211, Bozen 2015) 170.
5 Analytisch anregendes Stimmungsbild bei: Hans Karl Peterlini, Tirol – Notizen einer
Reise durch die Landeseinheit (Innsbruck-Wien 2008).
6 Italien, Österreich und die Bundesrepublik Deutschland in Europa. Ein Dreiecksver-
hältnis in seinen wechselseitigen Beziehungen und Wahrnehmungen von 1945/49 bis zur
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918