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Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino
ausgeprägten regionalen Vertiefung der Europäischen Union mit Sympathie
begrüßt, gewinnt im Blick auf die zentralalpine Euregio ein tieferes Senso-
rium für die Aussichten, aber auch die hemmenden Barrieren und Aporien,
die einer solchen Perspektive entgegen stehen. Die Vision eines Kontinents,
der dank der Zugkraft von vierzig bis sechzig sprachlich, kulturell und wirt-
schaftlich dynamischer Großregionen von der Größenordnung Bayerns,
Kataloniens oder des Burgund neu aufleben könnte, eines „Europa der Re-
gionen“, wie sie etwa Ulrike Guérot oder Robert Menasse mit Nachdruck
verfechten7, verweist zwar zu Recht auf die kraftvolle Binnendynamik re-
gionaler Einheiten, überschätzt aber ihre Fähigkeit zur Zusammenarbeit und
überbewertet ihre Gestaltungskraft gemeinsamer Agenden nach außen. Das
Beispiel der Europaregion führt eindrücklich vor, wie zögernd sich die Ak-
teure von Regionen auf Abstimmungsprozesse, ja gar auf einen gemeinsa-
men Schulterschluss einlassen.
3. Der Startzeitpunkt nach 1990
Die Euregio, zunächst als Europaregion Tirol lanciert, rückte um 1995 konkret
auf die politische Agenda Tirols, Südtirols und des Trentino, in einer histo-
rischen Phase tiefgreifenden Wandels, der europaweit die regionale Ebene
redefinierte, aber auch die transnationale und EU-Entwicklung grundlegend
veränderte. Für Südtirol und das Trentino zeichnete sich wenige Jahre nach
dem Systembruch von 1989 in Miniatur ein Ende des maßstäblich kleinen,
aber mitunter empfindlich spürbaren „Kalten Kriegs“ ab, der die Beziehungen
zwischen den Republiken Österreich und Italien seit 1960 stark belastet hatte.
1960 hatte der österreichische Außenminister Bruno Kreisky die Süd-
tirolfrage erstmals vor dem Plenum der Vereinten Nationen in New York auf-
geworfen und damit eine Internationalisierung der zwischen Italien und Ös-
terreich strittigen Agenda erzielt8. Die Situation Südtirols, das 1919 infolge der
7 Vgl. Ulrike Guérot, Warum Europa eine Republik werden muss! Eine politische Uto-
pie (Bonn 2016) 147–171; Robert Menasse, Der europäische Landbote. Die Wut der Bürger und
der Friede Europas oder warum die geschenkte Demokratie einer erkämpften weichen muss
(Wien 2012).
8 Vgl. Bruno Kreisky und die Südtirolfrage, hrsg. von Gustav Pfeifer, Maria Steiner
(= Veröffentlichungen des Südtiroler Landesarchivs, Sonderband 4, Bozen 2016).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918