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Hans Heiss
Trotz stark gebesserter Voraussetzungen verlief der Weg hin zu intensivier-
ten Beziehungen aber keineswegs einfach: So hatte Italien das sogenannte
„Madrider Abkommen“ von 1980 zur grenzüberschreitenden Zusammen-
arbeit erst spät ratifiziert und den neuen Parcours einer intensivierten Be-
ziehung zwischen den Ländern nur widerstrebend frei gegeben. Denn das
„Europäische Rahmenübereinkommen über die grenzüberschreitende Zu-
sammenarbeit zwischen Gebietskörperschaften“, wie das Madrider Abkom-
men offiziell hieß, wurde von Italien erst mit Gesetz am 19. 11. 1984 ratifiziert,
aber auch Österreich hatte sich hierzu erst 1983 entschlossen. Das Abkommen
stellte die bisher misstrauisch beäugte Zusammenarbeit von Gebietskörper-
schaften über Grenzen hinweg nicht nur frei, sondern stufte sie als „positiv
und wünschenswert“ (J. Woelk) ein15. Obwohl hoheitliche Bereiche von der
Möglichkeit grenzüberschreitender Zusammenarbeit ausdrücklich ausge-
nommen wurden, eröffneten sich nun neue Spielräume. Diese wurden vor
allem zwischen Innsbruck und Bozen ab 1993 entschieden angepeilt und da-
bei auch eine Zusammenarbeit mit Trient ins Auge gefasst, um die staatliche
Seite über von Rom befürchtete allfällige „irredentistische Absichten“ und
eine Rückkehr zu „Groß-Tirol“ zu beruhigen. Konkrete Schritte hin zu einer
Umsetzung der Europa-Region Tirol erfolgten etwa durch die Eröffnung ei-
nes Verbindungsbüros in Brüssel am 19. Oktober 1995 durch die drei Landes-
hauptleute, eine Initiative, gegen die sich aus Rom augenblicklich heftiges
Sperrfeuer erhob16. Der italienische Staatspräsident Oscar Luigi Scalfaro ver-
urteilte die Europa-Region im November 1995 als revisionistisches Projekt,
während die Polizei in einer Durchsuchung im Büro des Landeshauptmanns
in Bozen allfälligen Verdachtsmomenten nachging. Solche Alarmsignale ver-
flogen allerdings schnell, da das römische Parlament in einem eigenen Gesetz
solche Initiativen ausdrücklich zuließ, sodass die Europa-Region grundsätz-
lich auf keine juristischen Bedenken mehr traf. Unter der italienischspra-
chigen Bevölkerung Südtirols blieb die Skepsis hoch gegenüber einem vor-
erst vagen Projekt17, dessen Zielrichtung eher ungewiss schien, zumal das
15 Jens Woelk, Ein Jahrzehnt regionale Kooperation in der EU. Die „Europaregion
Tirol-Südtirol-Trentino“ als Europäischer Verbund für territoriale Zusammenarbeit, in: 70
Jahre Pariser Vertrag, hrsg. von Walter Obwexer, Eva Pfanzelter (Wien 2017) 201–232, hier 203.
16 Vgl. Gehler, Tirol im 20. Jahrhundert 412.
17 Vgl. Rainer Nick, Günther Pallaver, Jenseits von Grenzen. Tirol-Südtirol-Trentino. Die
Europaregion aus der Sicht der Bevölkerung (Innsbruck 1998).
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918