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Die Euregio Tirol-Südtirol-Trentino
und Betreuung deckten zwei sensible Felder ab, die trotz ihrer Vorteile aber
stets auch die Rückständigkeit Südtirols markierten. Die Subsidiarität Tirols
in diesen Bereichen war gewiss erfreulich und unverzichtbar, sie rückte aber
auch ins Bewusstsein, dass es der Provinz Bozen bis 1997 an einer eigenen
Universität ebenso mangelte wie an einer in allen Bereichen exzellenten
medizinischen Versorgung, trotz beachtlicher Aufholprozesse der Kranken-
häuser in Südtirol. Die Kanäle der Verbindung und das großzügige Angebot
des Nordens waren daher stets auch Signalmarken eines Mangels, der unter-
gründig am Südtiroler Selbstbewusstsein nagte.
Jenseits der beiden Ebenen verliefen die Kontakte zwischen dem Bun-
desland und der Autonomen Provinz durchwegs schütter: Aus der Sicht vie-
ler Südtiroler waren Tirol und seine Hauptstadt Innsbruck vorab ein güns-
tiges Einkaufsparadies und ein Ort vergünstigten Treibstoffbezugs, aber
kein Aktionsraum landespolitischer Gemeinsamkeit und wechselseitiger
Zugehörigkeit. Auffallend war seit den Jahren ab 1970, als die Südtirolfrage
den Lösungsweg der Autonomie einschlug, eine wachsende Entfremdung
zwischen den Landesteilen und ihren Gesellschaften. Während Tirol seinen
Föderalismus ausbaute und sich wirtschaftlich in der Ära von Landeshaupt-
mann Eduard Wallnöfer (1963–1987) beachtlich entwickelte29, gelang Südti-
rols sozialer und gesellschaftlicher Situation erst ab Anfang 1970 ein kräftiger
Sprung nach vorne. Nun wurden endlich die enormen, oft erschreckenden
Entwicklungsrückstände überwunden, die die nördlichste Provinz Italiens
zum „Armenhaus der Alpen“ degradiert hatten.
Der Nebeneffekt des wirtschaftlichen Aufholprozesses war aber auch
eine wachsende Entfremdung von Nordtirol, gegen das der Süden zuneh-
mend selbstbewusst auftrat. Der neue Wohlstand in Südtirol weckte die Vor-
stellung, dass man sich mit der Entwicklung der Autonomie nicht nur von
Italien, sondern auch gegenüber Tirol freispielen könne, um nicht mehr auf
die Sorge des „Mutterlands“ angewiesen zu sein, sondern selbstbewusst die
eigenen Verhältnisse zu gestalten.
Die Euregio-Annäherung ab 1995 machte die Differenzen deutlich, die
bis in die späte Ära von Landeshauptmann Durnwalder um 2008/09 spürbar
blieben. Denn bis dahin galt zwar weiterhin die offizielle Devise „geistig-kul-
29 Vgl. Gehler, Tirol im 20. Jahrhundert 319–335.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918