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Hans Heiss
in Mezzocorona 2009 in Angriff genommen und im Juni 2011 konkret gegrün-
det36. Damit verfügen die drei Länder über eine Institution, die in bestimmten
Bereichen effizient handeln kann und aus der Sicht der drei Landesregierun-
gen den Vorzug gouvernementaler Steuerung aufweist.
Das 12-köpfige EVTZ-Leitungsgremium besteht aus den drei Landes-
hauptleuten, sechs Vertretern der Mehrheit und drei der Opposition. Damit
ist zwar territorial und politisch eine klare Repräsentanz von Ländern und
Mehrheiten gewährleistet, während die Rolle von Minderheiten und bürger-
schaftlicher Basis außerhalb des EVTZ-Radius liegt. Dennoch bedeutet dieser
Rahmen, dass in wichtigen Bereichen zumindest auf Regierungsebene regel-
mäßig Abstimmungen getroffen werden und eine planvolle und vielfach ziel-
führende Steuerung von Bildung, Forschung und anderen Themen in Angriff
genommen wird.
6. Grenzen des Euregio-Einvernehmens
Während also der EVTZ einen ersten ausbaufähigen Rahmen bot, wuchsen
aber auch neue Barrieren. So traf die Euregio-Annäherung vor allem in den
Bereichen Verkehr und Wirtschaftspolitik an harte Grenzen. In diesen Fel-
dern zeigten sich die unterschiedlichen nationalen und regionalen Interes-
sen in aller Klarheit und waren vielfach stärker als die Zugkraft und die soft
skills der weiterhin oft aufgerufenen „geistig-kulturellen Landeseinheit“. In
der Verkehrspolitik traf das in Italien, vor allem auf Seite der Frächterschaft
und ihrer politischen Repräsentanten, klar markierte Interesse an einem
freien, von Einschränkungen unbehinderten Warenverkehr in Österreich
auf Widerstand, der sich in vielen Formen äußerte37. Nördlich des Benners
galt zwar gleichfalls das Prinzip des freien Warenverkehrs, zumal seit dem
Beitritt Österreichs zur EG, aber die starke Belastung wurde dort intensiver
wahrgenommen und durch dynamische Bürgerinitiativen aufgegriffen, wie
etwa das Transitforum Tirol mit seinem Obmann Fritz Gurgiser. An der Frage
freien oder ökologisch verträglichen Transits traten die Gegensätze bereits
um das Jahr 2000 rasch hervor.
36 Vgl. Woelk, Ein Jahrzehnt regionale Kooperation 212–216.
37 Vgl. Gehler, Tirol im 20. Jahrhundert 444 ff.
Die schwierige Versöhnung
Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Titel
- Die schwierige Versöhnung
- Untertitel
- Italien, Österreich und Südtirol im 20. Jahrhundert
- Autoren
- Andrea Di Michele
- Andreas Gottsmann
- Luciano Monzali
- Herausgeber
- Karlo Ruzicic-Kessler
- Verlag
- Bozen-Bolzano University Press
- Ort
- Bozen
- Datum
- 2020
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-SA 4.0
- ISBN
- 978-88-6046-173-5
- Abmessungen
- 16.0 x 23.0 cm
- Seiten
- 616
- Schlagwörter
- 20. Jahrhundert, Österreich, Südtirol, Italien, Geschichte
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918