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36 Das Ordnungsgeflecht in österreichischen Spitälern in der Frühen Neuzeit
ter) Durchlässigkeit42. In Anlehnung an das in der Forschungsliteratur jüngst kontroversiell
diskutierte Konzept des „kasernierten Raumes“43 herrschten im Haus ursprünglich „Bedin-
gungen, die es den Beteiligten nicht erlauben, einfach auseinanderzulaufen. Konflikte kön-
nen also nicht damit beantwortet werden, daß man sich trennt, kündigt, austritt, scheidet,
abreist, umzieht […]. Ferner handelt es sich um Situationen, in die alle Beteiligten, aus den
üblichen Bedingungen weitgehend gelöst, gleichsam mit leeren Händen hineinkommen“44.
Diese Wahrnehmungsebene blieb der städtischen Bevölkerung vielfach verborgen,
sie wurde häufiger mit Unregelmäßigkeiten oder langen Verzögerungen bei der Vorlage
der Spitalrechnungen, mit möglichen oder wirklichen Veruntreuungen sowie Unterschla-
gungen von Stiftungsgeldern augenfällig konfrontiert45. Spitäler – als ökonomische Be-
triebe gesehen – waren häufig mit Gärten, Landwirtschaft und Viehzucht ausgestattet.
Bisweilen gehörten Wälder und Weinberge, gelegentlich sogar Bergstollen zum Besitz,
um nur einige Beispiele zu benennen. Mit diesem gesicherten Fundament waren Spitäler
einerseits mit Klöstern, andererseits mit größeren weltlichen Haushalten zu vergleichen46.
Der Machtfaktor Spital resultierte daher vor allem aus Herrschaft und Besitz47, der durch
Zustiftungen nach Möglichkeit Jahrhunderte überdauern sollte. Die oft wenig Profit ab-
werfenden Spitalgründe und die Meierhöfe mussten jedoch vielfach schon im 17., spä-
testens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verkauft und das Personal entlassen
werden. Das Spital als tendenziell gewinnorientierter Betrieb war vor dem Hintergrund
aufklärerischer Rationalität gezwungen, seine Grundbesitzungen, Nutzungsrechte (Ren-
teneinkommen) und Eigenbetriebe zum Nutzen seiner Insassen einzusetzen. In größeren
Häusern war ein eigener Spitalschreiber mit der Führung der Rechnungsbücher, eine be-
sonders wertvolle Quelle für die Ökonomie der Anstalten, beauftragt. In kleineren Spi-
tälern versah der Spitalmeister nebenberuflich diese Aufgabe. Diente die Eigenwirtschaft
der Häuser der Naturalversorgung, so fungierten viele frühneuzeitliche Spitäler nicht nur
als Fuhrunternehmer, sondern überdies als eine Art städtische Bank, wo sowohl der Stadt-
rat als auch die Stadt- und Umlandbewohner ihre Geldbedürfnisse zu festen Zinssätzen
stillen konnten; zusätzlich wurden Spitalgelder in größerem Stil auch weiterveranlagt48.
Die erwähnten Rechnungsbücher, welche die spitalwirtschaftliche Trias aus Kreditan-
stalt, Wirtschaftsbetrieb und Versorgungsanstalt explizit abbilden, erlauben (meist) einen
detaillierten Einblick sowohl in das agrarische Arbeitsjahr als auch in die Bewirtschaf-
tung eines größeren Hauses mit mehreren Angestellten (Meier/in, Knechte, Mägde). Die
Spitalinsassen finden sich in den Rechnungen hingegen kaum, da sie im Regelfall nicht
monetär entlohnt wurden. Zwar wurde der Arbeit zusätzlich eine ordnende Funktion zu-
gesprochen49, aber es erscheint der Beitrag der Hausbewohner/innen insgesamt jedoch als
zu gering und zu wenig zuverlässig eingestuft worden zu sein. Bloß bei der Betreuung der
Kranken und bei der täglichen Hausarbeit galt ihre Mitarbeit als unerlässlich50.
42 Ebd.
43 Weiss, Österreichische Hospitäler 217–234; Bretschneider–Scheutz–Weiss, Machtvolle Bin-
dungen 13f.
44 Popitz, Phänomene der Macht 187; ders, Prozesse der Machtbildung 6.
45 Scheutz–Weiss, Spitäler 227.
46 Vanja, Offene Fragen 25f.
47 Falk, Machtfaktor Spital 58–71.
48 Scheutz–Weiss, Gebet 344.
49 Vanja, Orte der Verwahrung 41.
50 Scheutz–Weiss, Eine Woche (im Druck); zentral dazu Aspelmeier, Entwicklung; Ders., Norm
Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Band 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Spital als Lebensform
- Untertitel
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Band
- 1
- Autoren
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Medizin