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IV.2 Salzburg: Mühldorf/Inn – Bürgerspital und Bruderhaus (Kommentar Nr. 28–30) 119
Hospital zu überreden – die Betrugsmöglichkeiten wären damit drastisch eingeschränkt
worden, so reagierte das Konsistorium nach seinem Tod rasch und bestimmte ohne wei-
tere Mitwirkung der Stadt einen neuen Spitalverwalter29. Nach der Herrschaftsüber-
nahme durch die Bayern im Jahr 180230 bekamen die Hospitalinsassen nur mehr Bargeld
ausgehändigt, um sich künftig selbst versorgen zu könnten31.
Wurde die Einrichtung im Sinn der Namensgebung auch primär als „geistliches
Haus“ gesehen, so wäre sie allerdings ohne die hospitaleigene Landwirtschaft niemals
überlebensfähig gewesen. Im Jahr 1790 besaß das Hospital immer noch acht Pferde, zwölf
Kühe, acht Jungrinder, sechs Kälber, 112 Schafe, um nur einen Teil des Tierbestandes
anzuführen, sowie sechs Wagen für Heu und Gras. Zur Landwirtschaft zählten 41 Äcker
(134 Tagwerk), Weideflächen, Wiesen und Krautäcker (in Summe 212 Tagwerk). Die
Kosten für das Personal – meist 12–13 Dienstboten und zu Erntezeiten noch zusätzlich
Taglöhner – wirkten sich im Laufe der Jahrhunderte immer negativer aus, so dass der
Reingewinn nahezu gegen null schrumpfte. Die als notwendig erachtete Abschaffung der
Meierei gegen Ende des 18. Jahrhunderts war dabei durchaus typisch für den bayerisch-
österreichischen Raum32. Für die Bewohner des Hospitals verschlechterte sich die Versor-
gungslage doch deutlich, lediglich die Vertröstung auf das Jenseits blieb weiterhin auf-
recht. Die Pfründner sollten in allen ihren handlungen, Gott, dem belohner des gutens und
bestrafer des bösens, ihr einziges ziel und ende, das unendliche höchste wesen vor augen haben,
wie es 1799 noch beinahe beschwichtigend hieß33.
Nach 1800 diente das Heiligen-Geist-Spital während der Zeit der Koalitionskriege
als Lazarett, im Jahr 1821 wurden auch erkrankte Dienstboten dort untergebracht und
die städtische Krankenanstalt quartierte sich zusätzlich im zweiten Stockwerk ein. Da
die Hauswirtschaft und die Hygiene Anlass zu Klagen boten, überließ der Stadtmagist-
rat schließlich 1885 den Franziskanerinnen aus Mallersdorf die Leitung der Mühldorfer
Einrichtung34.
Seitens der Stadt Mühldorf wurden Arme nicht nur institutionell versorgt, sondern
versehen mit einem zinnernen Bettelzeichen mit dem Stadtwappen durften die so ge-
nannten Hausarmen, verarmte Bürgerinnen und Bürger, in der Stadt um Almosen hei-
schen. Einerseits waren sie damit in den Kreis der versorgungsberechtigten Personen in-
kludiert, andererseits aber durch ihre Kenntlichmachung als am Rand der Gesellschaft
Lebende zugleich stigmatisiert. Die Unterstützung durchreisender Bettler erfolgte ab den
1560er Jahren vornehmlich durch das Bruderhaus in Form von Nahrungsmitteln und
Geld35. Die Einrichtung verfügte ähnlich wie das Bürgerspital über landwirtschaftlichen
Besitz (Äcker, „Kraut- und Pflanzbeete“), der jedoch niemals an dessen Bedeutung her-
anreichte. Das Stiftungskapital belief sich auf annähernd 5.000 fl., doch mussten damit
um 1670 immerhin 23 Personen erhalten werden, wie im Visitationsbericht festgestellt
29 Gollwitzer, Heiliggeistspital 100–103; Hamberger, Heiliggeistspital 26–29.
30 Hamberger, Übergang 146–159, 312–314.
31 Bauer, Geschichte Nr. 44.
32 Hamberger, Heiliggeistspital 31f.; 47f.; eine exzellente und ausführliche Analyse bietet Hamber-
ger, ebd. 45ff. und Tabellenanhang 85–102; StA Mühldorf a. Inn, B 51, Unterholzner, Chronologisch-
topographische Geschichte p. 100
33 StA Mühldorf a. Inn, A 250, Hausordnung für das Heiligen-Geist-Spital in Mühldorf am Inn 1799,
§ 1; Scheutz–Weiss, Spitäler 222; Weiss, Spitalgeistlicher 227.
34 Gollwitzer, Heiliggeistspital 109f.
35 Weiss, Almosen 102–111; Veits-Falk, Armenfürsorge 68, 70; Pichlkastner, Das Wiener Stadt-
zeichnerbuch.
Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Band 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Spital als Lebensform
- Untertitel
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Band
- 1
- Autoren
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Medizin