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IV.4 Salzburg: Tamsweg – Bürgerspital (Kommentar Nr. 36–37) 135
meldete sich Andrä Christoph Schretter, der gegen die Benützung des Hauses, der Stal-
lungen, die Überlassung der Nutztiere (fünf Kühe, zwei Schweine) und der Grundstücke,
der Urbarabgaben an Getreide und Geld sowie der anfallenden Zinsen die volle Verpfle-
gung der acht Insassen nach der bisherigen Ordnung zusicherte. Nach dessen Tod schloss
das Marktgericht im Juli mit dem ehemaligen Wirt Michael Gramann einen neuen Pacht-
vertrag ab, der nur mehr die Versorgung der zwei verbliebenen „Einleiber“ vorsah15. Kam
auch das Spital seiner eigentlichen Funktion zu Beginn des 19. Jahrhunderts nicht mehr
nach, so beliefen sich der Wert der Realitäten und der verliehenen Kapitalien um 1806
jedoch wieder auf „beruhigende“ 11.030 fl.16. Infolge der Koalitionskriege wurde die An-
stalt für die k. k. Truppen als Kaserne zweckentfremdet und erst nach der endgültigen An-
gliederung des ehemaligen Erzstiftes Salzburg an Österreich konnten Verhandlung über
die Wiedererrichtung des Bürgerspitals seitens des Marktes aufgenommen werden. Die
geplante allgemeine Kranken- und Versorgungsanstalt für den Gerichtsbezirk Tamsweg
kam aufgrund der Unfinanzierbarkeit zunächst nicht zustande17, so dass am 8. Juni 1818
nach einer feierlichen Messe mit Predigt in der Pfarrkirche die Insassen vom Bürgermeis-
ter unter eindringlicher Erinnerung an die Hausordnung und die vorgeschriebenen Ge-
betspflichten in ihre Wohnungen im „alten Hospital“ geführt wurden18.
Lässt sich bereits in den 1730er Jahren bei der Reparatur der baufälligen Wohnstuben
relativ früh für eine ländliche Versorgungsanstalt ein neues Neben- oder Krankhen-Zim-
merl 19, das Einblick in die Kirche bot, nachweisen, so riss in den folgenden Jahrzehnten
die Diskussion um die Erweiterung des Hauses zu einer Krankenanstalt nicht ab. In der
Kost- und Unterhaltsordnung vom 2. September 1789 (Edition Nr. 37, S. 590–592), die
von Schretter voll inhaltlich verantwortet wurde, gedachte man auch der kranken Insas-
sen und ließ ihnen bessere Kost, Medizin und Pflege angedeihen. Das von Archidiakonal-
kommissär Franz Steinwender und Pfleger Ferdinand von Pichl angedachte Krankenhaus
sollte im Nebengebäude, dem so genannten Lederwaschhaus und heutigen Rathaus, Platz
finden, da die vom Brand 1742 in Mitleidenschaft gezogenen Mauern keine Aufmaue-
rung eines zweiten Stockwerkes zuließen. Wie so häufig konnte nur eine Minimalvariante
verwirklicht werden, denn das fürsterzbischöfliche Konsistorium stimmte nur der Ein-
richtung von Krankenzimmern im Hospital zu. Finanziert wurden die Ausgaben durch
einen eigenen Fonds20. Die Idee, auch „Irre“ in den Räumlichkeiten des St.-Barbara-Spi-
tals unterzubringen, verwarf die Obrigkeit jedoch aufgrund der zentralen Lage des Hau-
ses21. Dieses frühe „Krankenhaus“ ging in den Wirren der Napoleonischen Kriege unter.
Erst im Jahr 1825 gelang es der Gemeinde, nach der Rückerstattung des Bürgerspitals
dieser Anstalt auch eine Einrichtung für erkrankte und verarmte Marktbewohner anzu-
gliedern22. Ein Ruralkrankenhaus für die Landgemeinden konnte in Tamsweg hingegen
beginnend mit den späten 1830er Jahren verwirklicht werden23.
15 Hatheyer, Chronik Tamsweg 244; Kürsinger, Lungau 216; Hübner, Beschreibung 2 517.
16 Weiss, Providum imperium felix 104.
17 Vgl. Heitzmann, Bürgerspital 31f.
18 Hatheyer, Chronik Tamsweg 246f.; Heitzmann, Verwaltung 77.
19 Zit. nach Heitzmann, Bürgerspital 30.
20 Ebd. 31–33; zum Fondsvermögen 1806 Weiss, Providum imperium felix 104.
21 PfA Tamsweg, Archidiakonalkommissariat Tamsweg an das Pfleg- und Landgericht Tamsweg, 1803
März 22; Heitzmann, Bürgerspital 36f.
22 Pillwein, Herzogthum Salzburg 209.
23 Heitzmann, Bürgerspital 37–43; vgl. Steiner, Lebensweisen 112.
Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Band 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Spital als Lebensform
- Untertitel
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Band
- 1
- Autoren
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Medizin