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tral über das Versorgungssystem im Markt Zell, so unterzog er hingegen die unterlassene
Rechnungslegung seitens des Pfarrvikars und der Brudermeister einer Kritik. Die langjäh-
rigen Brudermeister Hanns Khüell (Khnöll) (Schuhmacher), Martin Lechner (Klampfe-
rer, Klempner) und Matheus Hämpl (Weißgerber) wollten ohnedies ihr Amt aufgeben, da
ihnen aigennüzigkheit unterstellt wurde, welche jedoch der Geistliche zumindest in den
Rechnungen nicht nachweisen konnte. Er meinte, es sei nicht ratsam, sie alle 3 auf ain
mall zu amonirn, weill sich der reichen, wögen villfertiger mühe, khainer gar darzue wirdt
brauchen lassen, die unvermügendte aber zum thaill auf ihren vortl sehen mechten. Insgesamt
wohnten im Jahr 1621 im Bruderhaus außerhalb des Marktes sieben Arme, d. h. zu den
vier gestifteten Plätzen hatten sich zwei Personen eingekauft. Eine Person lebte vom Legat
des in (Wiener) Neustadt verstorbenen Priesters27. Auch wenn der Pfründenkauf bis 1800
die übliche Methode wurde, um in die drei Versorgungsanstalten des Marktes Aufnahme
zu finden, so kann nicht davon ausgegangen werden, dass die Insassen bei ihrem Tod
ein wesentliches Vermögen hinterließen. Bei der Erstellung des Verlassenschaftsinventars
überstiegen üblicherweise die Schulden und die Ausgaben die Aktivkapitalien. Lediglich
die im September 1742 verstorbene Haushälterin im Bruderhaus, Barbara Holzlin, hin-
terließ zumindest ein Restvermögen von 121 fl. 3 xr., ihr Mann hingegen, der im No-
vember dieses Jahres ebenfalls verstarb, nur 28 fl. 4 xr. 1 den.28. Typisch war hingegen
der Fall des Bauers Mathias Pacher, der wegen glaubens verdacht alhero ins bruederhauß, zu
obgedachten Aintten, in die geistliche aufsicht genommen wurde und auch in der Versor-
gungsanstalt verstarb. In seiner Leibtruhe fanden sich nur Kleidungsstücke, Bettwäsche
und Lebensmittel, deren Wert sich auf knapp 13 fl. belief. Die Ausgaben für das Begräb-
nis und die Erstellung des Inventars summierten sich jedoch auf mehr als 23 fl., so dass
das Bruderhaus die sich ergebende Differenz zu bezahlen hatte29.
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hatten auch die beiden Bruderhäuser mit
Finanzierungsproblemen zu kämpfen – das Legat des Jakob Mayr von 1739/1740 in der
Höhe von 1.100 fl. hatte zu keiner Entspannung geführt30 – und im Jahr 1767 erhielten
die Insassen nur mehr einen Schlafplatz. Das Konsistorium verlangte daher die Entlas-
sung der Dienstboten und die bevorzugte Aufnahme von Personen, die in der Lage wären,
die anfallenden bäuerlichen Arbeiten in Eigenregie zu erledigen31. Knapp fünf Jahre spä-
ter wurden in den beiden Bruderhäusern aufgrund der Teuerung und der Verknappung
der Lebensmittel nach 1770 insgesamt nur elf Personen notdürftig versorgt32.
An der Wende zum 19. Jahrhundert verlor die Institution Bruderhaus vollkommen
an Bedeutung und 1806 wurden in einer tabellarischen Übersicht aller ländlichen Fonds
und Stiftungen nur mehr drei Personen gezählt, die der Rat möglicherweise bereits im Le-
27 AES, 9/11/9 Zell am See, Dechant Georg Tauscher an das Salzburger Konsistorium, Saalfelden,
1621 Juli 28. Alle Zitate nach dieser Quelle.
28 PfA Zell am See, K. 130, Fasz. Bruder- und Leprosenhaus 1573–1796 I, Verlassenschaften der
Barbara Holzlin, Haushälterin im Bruderhaus, 1742 September 20, und ihres Ehemannes Georg Seits, 1742
November 20.
29 PfA Zell am See, K. 130, Fasz. Bruder- und Leprosenhaus 1573–1796 I, Verlassenschaft des Bauers
Mathias Pacher, 1742 April 24.
30 AES, 9/11/9 Zell am See, Abredung zwischen Jakob Mayr, Dechant von Teisendorf, und dem Pfarr-
vikar von Zell im Pinzgau unter Beiziehung des Bürgermeisters und des Bruderhausverwalters, 1744 Jänner 23;
Lahnsteiner, Unterpinzgau 13; Greinz, Sociales Wirken 194.
31 PfA Zell am See, K. 130, Fasz. Bruder- und Leprosenhaus 1573–1796 I, Salzburger Konsistorium
an den Saalfeldener Dechanten Franz Sales Hofer, 1767 Oktober 10.
32 SLA, Hs. 48, Unterthänigstes gutachten das land-allmosen weesen betreffend, pag. 246.
Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Band 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Spital als Lebensform
- Untertitel
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Band
- 1
- Autoren
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Medizin