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V.2 Kärnten: Klagenfurt – Bürgerspital und Armenhaus (Kommentar Nr. 41–46) 147
als Beleg für das Scheitern der obrigkeitlichen Machtansprüche lesen und interpretieren,
man wollte vielmehr den legitimen Befehlen größeren Nachdruck verleihen und biswei-
len auch eigene Versäumnisse überspielen6. Hatten sich jedoch bereits die bürgerlichen
Armen als renitent erwiesen, so scheint sich ihr Verhalten eventuell auch auf die im Ar-
menhaus lebenden Dienstboten, Arbeiter und Siechen ausgewirkt und als „eigensinniges“
Modell übertragen zu haben7.
Wer sich die Aufgabe stellt, die Geschichte des Bürgerspitals in Klagenfurt genauer
zu erforschen, wird rasch auf das Manuskript eines unbekannten Autors stoßen, der ver-
mutlich nach 1780/81 die so genannten Kurzgefaßte[n] nachrichten von dem bürgerspital
zu Klagenfurt8 aufzeichnete. Diese Quelle entstand vermutlich im Zusammenhang mit
dem um 1779 zwischen dem Klagenfurter Magistrat und den Kärntner Ständen ent-
brannten Streit über das Besetzungsrecht der Pfründen im Spital bzw. über das Recht der
Einsetzung des jeweiligen Verwalters. Aus diesem Anlass heraus versuchte der anonyme
Verfasser, möglichst sachlich die Geschichte des Klagenfurter Bürgerspitals von den An-
fängen bis ca. 1780 darzustellen9. Über die früheste Einrichtung am Hl.-Geist-Platz, die
lediglich zehn Pfründnern Unterkunft bot, wissen wir kaum Bescheid. Im 14. Jahrhun-
dert wurde dieses Haus, das bereits mit mehreren Grundstücken versehen war, in Urkun-
den erwähnt, doch fiel das Gebäude schließlich dem verheerenden Stadtbrand des 20. Juli
1535 zum Opfer. Ein Wiederaufbau wurde von der Bürgerschaft nur halbherzig verwirk-
licht, da das Gebäude in unmittelbarer Nähe der städtischen Festungswerke lag (das Haus
wurde schließlich 1594 abgetragen) und die Zahl der Bedürftigen kontinuierlich stieg.
Die Armen waren überdies gezwungen, ihr Essen außerhalb des Spitals zu suchen und
sich durch den Bettel zu ernähren10.
Klagenfurt war im 16. Jahrhundert eine stark wachsende Stadt – die Einwohnerzahl
stieg von 1.000 zu Beginn auf mindestens 3.000 (eventuell auch 4.000 Personen) zu Ende
dieses Zeitraums an11. Die Armutsproblematik hatte sich auch in der Hauptstadt des Her-
zogtums Kärnten verschärft und das neue Bürgerspital für 80 Bewohner/innen und die
Dreifaltigkeitskirche, die in den Jahren 1582 bis 1599 mit einem Kostenaufwand von
23.089 fl. errichtet wurden, galten als städtisch-ständische Gemeinschafts- und Prestigeob-
jekte, welche das baufällige hl. Geistspital ablösten. Die hohe gesellschaftliche Bedeutung,
die man diesem Bauprojekt beimaß, wurde auch daran deutlich, dass für einen bestimm-
ten Zeitraum sämtliche in Klagenfurt verhängten polizeilichen Geldstrafen direkt als Bau-
zuschuss an das Bürgerspital flossen12. Um die Anstalt langfristig finanzieren zu können,
waren Stiftungen, Schenkungen und Erbschaften dringend notwendig. Bemerkenswerte
Beiträge stifteten insbesondere die Landschaft und die Klagenfurter Bürgerschaft. Am 12.
Juni 1588 verpflichtete sich die Landschaft, 3.000 fl. an das neue Spital zu übergeben, au-
ßerdem wollte sie jährlich 300 fl. für die Versorgung von insgesamt vier Personen bezahlen.
Die Stadt stiftete ebenfalls 3.000 fl. und 300 fl. jährlich aus den urbarialen Erträgen, um
die „Presthaften Petelsleuth“ im protestantisches Spital mit „täglicher Narung, leiblichen
6 Landwehr, Absolutismus 211f.
7 Weiss, Spitalgeistlicher 228f.
8 KLA, Ständisches Archiv, C Akten, Abt. I, Sch. 259, Fasz. 2, fol. 1r–28v; Weiss, Unglück 203.
9 Olexinski, Armen- und Krankenpflege 48f.; Mak, Alltag 32f.
10 Weiss, Karitativer Stadtraum 453f.; ders., Unglück 203f.; Olexinski, Armen- und Kranken-
pflege 52.
11 Fräss-Ehrfeld, Geschichte Kärntens 2 446.
12 Ebd. 488, 554; Hanisch-Wolfram, Dienst am Mitmenschen 432.
Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Band 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Spital als Lebensform
- Untertitel
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Band
- 1
- Autoren
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Medizin