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V.2 Kärnten: Klagenfurt – Bürgerspital und Armenhaus (Kommentar Nr. 41–46) 153
werden auch die Details zur matterial wiertschafft betreffend das Vieh, das Getreide, die
gespunst, das Schmalz und Fleisch etc. aufgelistet. Von besonderem Interesse ist ferner die
sehr genaue Angabe der Spenden und Ausgaben an den so genannten heiligen Tagen37.
Als außergewöhnliche Quelle darf auch eine Holztafel gelten, welche nach 1679 ent-
standen sein dürfte und ursprünglich in der Spitalkirche beim Altar hing. Bereits am 25.
März 1629 stiftete der seit dem Jahr 1619 an der Stadthauptpfarre St. Egid tätige Pfarrer
Bartholomäus Kreuzer (Cruziger) 6.000 fl. für ein Benefiziat im Bürgerspital, das sich
jedoch erst knapp 50 Jahre später realisieren ließ. Die Punkte der Inschrift sollten den
Benefiziaten beim Betreten des Altarraumes an den Stifter und an seinen Pflichtenkatalog
erinnern. Der Amtsinhaber war laut seiner ausführlichen Instruktion auch verpflichtet,
sich mit seiner Stelle zufrieden zu geben und dauerhaft im Haus zu wohnen38.
Um alle unordnungen und unter denen pfrientnern grassirende untugend abzustellen,
wurde am 17. Jänner 1756 eine Instruktion für die Stubenväter und -mütter erlassen39,
die ihre Mitinsassen sehr genau beaufsichtigen sollten. Neben der Kontrolle der Gebete,
der normierten Zeit zum Aufstehen und Schlafengehen sollten sie ihre Mitbewohner/
innen zur Handarbeit anleiten, ihnen ein gutes Beispiel geben und alle Verstöße gegen
die Ordnung sofort melden. Sie sollten in Zusammenarbeit mit dem Spitalmeister auf
Reinlichkeit im Haus achten, besonders aber die rasche Vernichtung des Ungeziefers in
Angriff nehmen. Außerdem mussten sie dafür Sorge tragen, dass die auswendige thir nicht
offen, sondern alzeit versperet bleibe40.
Wenige Wochen später, am 14. Februar 1756, erhielt der Entwurf der Satz und ord-
nung 41 für die Pfründner und Dienstleute im Bürgerspital Gültigkeit. Alle Insassen muss-
ten ein christ-catholisch und frommes leben führen, hatten regelmäßig zu beichten und die
vorgeschriebenen Gebetsleistungen zu erbringen42. Die beiden Spitalverwalter und der
Benefiziat galten als Vorgesetzte der Insassen, doch artikulierten diese ihren Unmut über
ihren Priester durchaus am Wirtshaustisch oder sogar beim Diözesanbischof wegen der
Vernachlässigung seiner geistlichen Pflichten. Johann Baptist Plasnig, Benefiziat des Kla-
genfurter Bürgerspitals, sprach beispielsweise im März 1763 von den tumultirend, malcon-
tent und passionirte[n] spital-pfriendtner[n], die gegen ihn ein klag-libell eingebracht hat-
ten, das ihm Amtsmissbrauch und überdies Dienstvernachlässigung vorwarf. Der Priester
reagierte seinerseits mit unbeweisbaren und stereotypen Vorwürfen, doch wollte er auf die
harte Bestrafung der rädlführerin Verzicht leisten, indem er die biblische Devise bemühte
und damit das letzte Vertrauen der Armen verspielte: Vatter! Vergib ihnen, dann [sic!] sie
wissen nicht, was sie thun43.
Da die Hausinsassen die Regeln der Ordnung des Jahres 1756 weiterhin als sehr
dehnbar interpretierten und die Grenzen auszuloten versuchten – so wurde im Bürgerspi-
tal bisweilen der Versuch unternommen, entgegen den Wünschen des Handwerks neben-
37 Edition Nr. 42 [19–68], S. 601–619.
38 Edition Nr. 41, S. 598f.; Mak, Alltag 150–154; Weiss, Unglück 191; ders., Spitalgeistlicher 234;
Tropper, Notizen 11; KLA, Ständisches Archiv, C Akten, Abt. I, Sch. 256, Fasz. 4, Stiftung des gewesenen
Stadtpfarrers von Klagenfurt Bartlmä Cruzinger für das hiesige Bürgerspital.
39 Edition Nr. 45, S. 631f.
40 Ebd. [9]; zur Tür als Grenzziehung zwischen Innen und Außen Weiss, Karitativer Stadtraum 461.
41 Edition Nr. 43; Mak, Alltag 113–125.
42 Edition Nr. 43 [1, 3, 4], S. 623.
43 KLA, Ständisches Archiv, C Akten, Abt. I, Sch. 260, fol. 173r–174v, Bürgerspitalbenefiziat Johann
Baptist Plasnig an Joseph Maria Rechbach, Dompropst zu Gurk und Erzpriester im Gurktal, 1763 März; Mak,
Alltag 154–166; Weiss, Spitalgeistlicher 235; ders., Unglück 219.
Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Band 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Spital als Lebensform
- Untertitel
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Band
- 1
- Autoren
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Medizin