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V.3 Kärnten: Spittal (an der Drau), Herrschaftsspital (Kommentar Nr. 47–48) 161
Waren „einfältige“ Frauen und Männer oft sehr dienlich hinsichtlich der Rechtferti-
gung gegenüber der Kaiserin, so behandelte man diese Personen bei Vergehen dennoch
wie Menschen ohne Behinderungen. Maria Knölling aus Kirchheim konnte auf Ansu-
chen ihrer Mutter Magdalena Knölling im Jahr 1754 in das Hospital gegen eine Einlage
von 80 fl. aufgenommen werden. Auf einer Reise nach Villach wurde die Frau, deren
geistige Fähigkeiten als äußerst gering galten, von einem Fuhrmann – möglicherweise
gegen ihren Willen – geschwängert. Zur Strafe musste sie das Haus verlassen und zu ihrer
Mutter zurückkehren; nach dem Tod des Säuglings stellte die Witwe (eine alte außzigle-
rin) erneut ein Ansuchen um die Wiederaufnahme ihrer zur Arbeit unfähigen Tochter in
das Hospital. Sie begründete die Bitte mit der Einfalt ihres Kindes, die ausgenützt worden
wäre und versprach künftiges Wohlverhalten der jungen Frau23.
Gegen Ende des 18. Jahrhunderts dürfte sich die Versorgungssituation im Hospi-
tal allmählich verschlechtert haben. So erhielten im Jahr 1788 sechs Personen täglich
sieben Kreuzer, die sich außerhalb des Gerichts aufhielten, sechs Pfründner waren im
Markt Spittal angebracht, von denen zwei jedoch verstarben und elf lebten im Haus (je
sieben Kreuzer Handgeld). Lediglich die fünf Kranken und Siechen durften weiterhin
die kostenintensive Naturalverpflegung genießen, für die eine eigens angestellte Köchin
zuständig war. Ihr oblag auch die Aufsicht und Pflege der Erkrankten, da keine der Spital-
pfründnerinnen sich für diese Tätigkeit eignete. Man musste der Hausangestellten jähr-
lich zwölf Gulden bezahlen24. Das Ende der Spitalherberge kam im Kriegsjahr 1797 – am
29. April vernichtete ein Großbrand im Markt überdies das Spitalgebäude inklusive der
Kirche. Die Wohnungen konnten nicht mehr benützt werden und das vorhandene Ver-
mögen reichte nicht aus, um für die 16 Pfründner/innen (Ende 1797) einen Neubau zu
finanzieren25. Der Fürst von Porcia konnte kaum die Schäden am fürstlichen Schloss und
den Nebengebäuden bezahlen, die Armen mussten daher bei Verwandten, Freunden oder
Fremden gegen ein Taggeld unterkommen. Die Brandstätte mit angeschlossenem Garten
wurde wenige Jahre später – im März 1802 – von Fürst Franz Seraphin endgültig verkauft
(später Kasernengebäude, heute FH-Technikum Kärnten). Die Stiftung bestand weiter,
erholte sich durch den Verkauf der Realitäten, so dass in den 1840er Jahren mehr als 40
Personen betreut werden konnten. Der Wegfall einer teuren Verwaltung übte sich zusätz-
lich positiv aus. Erst die Inflation zweier Weltkriege entwertete das Stiftungsvermögen
und mit Bescheid vom 2. August 1939 wurde die Stiftung aufgelöst und die Barmittel
der Stadtgemeinde Spittal mit der Auflage, diese für die „Volkswohlfahrt“ zu verwenden,
übertragen26.
23 KLA, HA Porcia, Sch. 18, Nr. 77, Schreiben der Magdalena Knöllingin an Fürst Alphons Gabriel
von Porcia um Wiederaufnahme ihrer Tochter in das Hofspital, 1757 Juli; Meyer, Geschichte Spittals 14.
24 KLA, MarktA Spittal, Sch. 4, Nr. 22, Spitalrechnungen 1772–1804, Jahresrechnung 1788.
25 Ebd. Jahresrechnung 1797.
26 Meyer, Geschichte Spittals 15; Türk, Ortsgeschichte 418f.; Weiss, Hund 186.
Spital als Lebensform
Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit, Band 1
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Spital als Lebensform
- Untertitel
- Österreichische Spitalordnungen und Spitalinstruktionen der Neuzeit
- Band
- 1
- Autoren
- Martin Scheutz
- Alfred Stefan Weiß
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2015
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC 3.0
- ISBN
- 978-3-205-79639-8
- Abmessungen
- 17.5 x 24.7 cm
- Seiten
- 432
- Kategorie
- Medizin