Seite - 216 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 216 -
Text der Seite - 216 -
III. Der sowjetische Besatzungsapparat: Struktur und
Funktion216
4.3.2 Kontrolle der westalliierten Militärmission in Wien
Mit Ende Mai 1945 übernahmen die NKVD-Truppen zwei Sonderaufgaben:
Die eine stand im Zusammenhang mit dem bevorstehenden Wienbesuch der
westlichen Besatzungsmächte, dem ersten gravierenden interalliierten Pro-
blemfall in und um Österreich. Stalin hatte nämlich erst zehn Tage nach der
Kapitulation sein Einverständnis gegeben, dass westalliierte Militärmissio-
nen zur Erkundung nach Wien kommen durften. Danach sollte es noch bis
zum 3. Juni dauern, ehe die sogenannte „Vienna-Mission“ der drei Westalli-
ierten beginnen konnte.255 Die sowjetische Seite beobachtete die Militärmissi-
onen mit Argusaugen: Stadtkommandant Blagodatov richtete Generalmajor
Pavlov die persönliche Anordnung von Marschall Tolbuchin aus, die Delega-
tion dürfe weder Wien verlassen noch an Orte fahren, „wo sie nichts verlo-
ren“ hätte.256 Wenig später stellte der Stabsleiter der NKVD-Truppen, Oberst
Semenenko, jedoch fest, dass sich die Mitglieder der Mission „ohne jegliche
Kontrolle und Einschränkung“ in und um Wien bewegten. Das 40. und 336.
Grenzregiment hätten daher sämtliche Ausfahrtsstraßen aus Wien zu sperren
und die Chauffeure der Mission darüber in Kenntnis zu setzen.257
Völlig unbegründet war Tolbuchins Vorsicht keineswegs: Unter den Teil-
nehmern der Erkundungsmission befand sich, als Chefdolmetscher des US-
Delegationsleiters getarnt, der designierte Kommandant von OSS-Austria,
der Österreichabteilung des US-amerikanischen Kriegsgeheimdienstes Of-
fice of Strategic Studies. Sein Missionsbericht stellte die erste eigenständige
geheimdienstliche Analyse der Amerikaner über das Nachkriegswien dar.
Bis zum ab Mitte August erfolgten Einzug der Westalliierten konnten sich
die OSS-Agenten in Wien etablieren und Kontakte zu Informationsträgern
knüpfen.258 Ein NKVD-Bericht von Anfang Juli 1945 bemerkte dazu: „Es gibt
undichte Stellen, an denen Mitarbeiter der britischen und US-amerikanischen
Aufklärungsorgane sowie verbrecherische Elemente in das von der Roten Ar-
mee besetzte Gebiet und dabei vor allem nach Wien einsickern.“259
255 Beer, Wien in der frühen Besatzungszeit, S. 41.
256 RGVA, F. 32900, op. 1, d. 212, S. 23, Schreiben des sowjetischen Stadtkommandanten von Wien,
Generalleutnant Blagodatov, an den Chef der NKVD-Truppen zum Schutz des Hinterlandes der 3.
Ukrainischen Front, Generalmajor Pavlov, bezüglich der Bewachung Wiens während des Besuchs
der westlichen Delegation, 2.6.1945.
257 RGVA, F. 38756, op. 1, d. 6, S. 100, Information des Leiters des Stabes der NKVD-Truppen zum
Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Oberst Semenenko, an die Kommandeure des
40. und 336. Grenzregiments über die Sperrung aller Ausfahrtsstraßen aus Wien, 6.6.1945.
258 Beer, Wien in der frühen Besatzungszeit, S. 41f.
259 RGVA, F. 32900, op. 1, d. 211, S. 169–172, Arbeitsplan für die Verwaltung der NKVD-Truppen
zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front für Juli 1945, bestätigt vom stv. Leiter
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918