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4. Die Schattenebene: Geheimdienst und NKVD-Truppen 219
Stacheldraht umzäunen und elektrische Beleuchtung sowohl im Inneren als
auch außerhalb des Zauns anbringen.264
Am 28. Mai 1945 begann schließlich die Übergabe der Kosaken und „Vla-
sov-Angehörigen“ durch die 8. Britische Armee. Gemäß der NKVD-Statistik
wurden bis zum 7. Juni insgesamt 42.913 Personen ins Lager übernommen,
darunter rund 3000 Frauen und 1500 Kinder. 59 Personen, davon 52 „Heimat-
verräter“ und sieben „Agenten der deutschen Spionage“ forschte die Aufklä-
rungs- und Fahndungsgruppe des 25. Grenzregiments als „verbrecherische
Elemente“ aus und liquidierte sie. Mehrere begingen noch nach der Auslie-
ferung Selbstmord oder kamen – wie etwa der Ordonnanzoffizier General
Helmuth von Pannwitz – bei Fluchtversuchen ums Leben. Das 5. Garde-Ka-
valleriekorps der 3. Ukrainischen Front übernahm rund 5800 der insgesamt
7000 Pferde mit Geschirr und Wagen. Die übrigen 1200 Pferde gingen in den
Bestand des 134. NKVD-Grenzregiments über.265
Tolbuchin erstattete am 30. Mai 1945 der Stavka Bericht über die in Ju-
denburg erfolgte Übergabe des 15. Kosaken-Kavalleriekorps unter General
Helmuth von Pannwitz, das formell zu Kriegsende bereits General Andrej
A. Vlasovs „Komitee zur Befreiung der Völker Russlands“ (KONR) unter-
stand.266 Demnach befanden sich unter den mehr als 2500 Gefangenen insge-
samt 16 Generäle, darunter Generalmajor Timofej Domanov, Ataman des Ko-
sakenkorps, sowie der Donkosaken-Ataman Petr Krasnov oder der legendäre
Kosake Andrej Škuro. Sie kamen mit zwei Eisenbahntransporten zunächst in
ein Lager nach Graz267 und anschließend über Baden und Wien nach Moskau,
wo sie wegen Hochverrats angeklagt wurden. Jene Männer, die führende Po-
sitionen eingenommen hatten, wurden 1947 in Moskau erhängt.268
264 RGVA, F. 32910, op. 1, d. 42, S. 263–266, Bericht des stv. Kommandanten des 25. Grenzregiments,
Oberstleutnant Černyšev, und des Chefs des Stabes, Major Logvinov, an den Chef der NKVD-Trup-
pen zum Schutz des Hinterlandes der 3. Ukrainischen Front, Generalmajor Ivan Pavlov, über die
Übernahme von Kosaken und Angehörigen der Vlasov-Armee in Judenburg, 15.6.1945. Abgedruckt
in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan, Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 43; Karner – Pickl,
Die Rote Armee in der Steiermark, Dok. Nr. 95.
265 Ebd.; Pavel Polian, Deportiert nach Hause. Sowjetische Kriegsgefangene im „Dritten Reich“ und
ihre Repatriierung. Kriegsfolgen-Forschung. Bd. 2. München – Wien 2001, S. 107.
266 Tolstoy, Die Verratenen von Jalta, S. 391f.
267 CAMO, F. 243, op. 2900, d. 1905, S. 211f., Bericht von Marschall Fedor Tolbuchin an die Stavka über
den Austausch von Zivilisten und die Übernahme der Kosaken, 30.5.1945. Abgedruckt in: Institut
Voennoj Istorii, Krasnaja Armija v stranach Central’noj Evropy, S. 666f.; Karner – Pickl, Die Rote Ar-
mee in der Steiermark, Dok. Nr. 81. Vgl. dazu: Karner – Ruggenthaler, (Zwangs-)Repatriierungen
sowjetischer Staatsbürger, S. 250; Eliseeva, Zum Schutz des Hinterlandes der Roten Armee, S. 102.
268 Karner – Ruggenthaler, (Zwangs-)Repatriierung sowjetischer Staatsbürger, S. 249.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918