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III. Der sowjetische Besatzungsapparat: Struktur und
Funktion248
Am 15. September 1951 beschloss das Politbüro des ZK der VKP(b), Andrej
Smirnov und S. S. Šatilov, den stellvertretenden Leiter der Politverwaltung
im Kriegsministerium der UdSSR, nach Wien zu entsenden. Ihre zweiwö-
chige Mission bestand in der Überprüfung der Arbeit der SČSK und in der
Ausarbeitung konkreter Verbesserungsvorschläge zur „Stärkung des sowje-
tischen Einflusses“.385
Einen Monat später, am 17. Oktober 1951, legten Smirnov und Šatilov ih-
ren zwölfseitigen Bericht dem Politbüro vor, das diesen umgehend an Stalin
und seinen engsten Kreis weiterleitete.386 Ausführlich wiesen die beiden Dele-
gationsmitglieder auf gravierende Mängel in der Tätigkeit der SČSK und der
Kommandanturen hin. Die SČSK habe ihre Arbeit in der sowjetischen Besat-
zungszone grob vernachlässigt und sich vor allem auf die Alliierte Kommis-
sion konzentriert, weswegen die „Demokratisierung“ in Ostösterreich nicht
gelungen sei. Bei den Wahlen habe die KPÖ nur fünf Prozent der Stimmen
erhalten. „Selbst in den sowjetischen Betrieben“, so die Kritik, sei „der Ein-
fluss der Kommunistischen Partei und der von ihr geleiteten demokratischen
Organisationen gering, und die entscheidenden Positionen (administrative
wie gewerkschaftliche) befinden sich in den Händen der Sozialisten und der
Volkspartei“. Außerdem habe die SČSK Propaganda und Agitation unter der
österreichischen Bevölkerung grob vernachlässigt und würde nicht einmal
führende KPÖ-Mitglieder kennen. Prinzipiell seien die Beziehungen zwi-
schen der Leitung der SČSK und der KPÖ nicht besonders gut, so ein weite-
rer Kritikpunkt. Ähnlich katastrophal sei es um die sowjetischen Betriebe in
Österreich bestellt, die auch aus wirtschaftlicher Sicht einen Schwachpunkt
darstellten. Die Kommandantur-Mitarbeiter wiederum würden weder ihre
Aufgaben kennen noch seien sie mit ihrer Qualifikation und den vorhande-
nen materiellen Möglichkeiten in der Lage, eine wirksame Kontrolle über die
örtlichen Organe auszuüben. Unter den gegebenen Umständen arbeite „der
gesamte Apparat der Kommandanturen und der Bevollmächtigten in den
in der sowjetischen Besatzungszone Österreichs, 14.9.1951. Die Wortwahl dieses Schreibens war
weitgehend ident mit jener in Smirnovs Bericht. Der von Grigor’jan vorgelegte Entwurf des Politbü-
robeschlusses sah jedoch Sergej M. Kudrjavcev statt M. Gribanov, dem Leiter der 3. Europäischen
Abteilung des MID, und zusätzlich Andrej Smirnov als Delegationsleiter vor. Siehe RGASPI, F. 82,
op. 2, d. 1117, S. 42, Entwurf des Politbürobeschlusses, Über die Entsendung einer Delegation nach
Österreich [14.9.1951].
385 RGASPI, F. 17, op. 3, d. 1090, S. 96, Politbürobeschluss des ZK der VKP(b) P 83 (509), Über die Ent-
sendung einer Kommission zur Überprüfung der SČSK nach Wien, 15.9.1951. Vgl. dazu und zum
Folgenden insbesondere Knoll – Stelzl-Marx, Der Sowjetische Teil der Alliierten Kommission, S.
199; Ruggenthaler, Warum Österreich nicht sowjetisiert wurde, S. 689.
386 RGASPI, F. 82, op. 2, d. 1117, S. 43, Begleitbrief von V. Grigor’jan an das Politbüro zum Bericht
„Über die Arbeit des Sowjetischen Teils der Alliierten Kommission und Maßnahmen zur Stärkung
des sowjetischen Einflusses in Österreich“, 17.10.1951.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918