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6. Das Wirtschaftsimperium
In wirtschaftlicher Hinsicht verfolgten die Sowjets auch in Österreich das
Ziel, eine Wiedergutmachung für ihre gewaltigen, während des Krieges erlit-
tenen Verluste an Industriepotenzial und Material sowie „Kompensationen“
zu erhalten.443 So wurde während der Besatzungszeit der materielle Reich-
tum der Ostzone außer Landes gebracht: durch „privates“ Plündern, durch
den Abtransport industrieller und gewerblicher Anlagen mithilfe eigener
Demontagekolonnen oder durch die Beschlagnahmung ganzer Betriebe als
„Deutsches Eigentum“. Dabei standen nationale Reparationsinteressen und
die Wiedererrichtung der sowjetischen Wirtschaft im Vordergrund, nicht je-
doch eine gezielte Destabilisierung des befreiten Landes.444 Außerdem hatte
der Kreml bereits eine mögliche bewaffnete Auseinandersetzung mit dem
Westen im Kalkül und wollte daher umso mehr wirtschaftlich wieder kon-
kurrenzfähig gegenüber dem potenziellen westlichen Feind im Kalten Krieg
werden. Allerdings wog diese Exploitationspolitik besonders schwer, entzo-
gen doch gerade die Demontagen der österreichischen Wirtschaft ihre Exis-
tenzgrundlage. West- und Ostzone drifteten wirtschaftlich und gesellschaft-
lich auseinander.445
Bei der sowjetischen Wirtschaftspolitik in Österreich kann man drei sich
teilweise überschneidende Phasen unterscheiden:446 Die erste setzte mit Ap-
ril 1945 ein und dauerte bis zum Frühsommer 1946. In dieser Militärphase
dominierte die „Kriegsbeute und Trophäenaktion“, gekennzeichnet durch
Plünderungen, Demontagen und die Notwendigkeit der Versorgung der Be-
satzungstruppen, aber auch durch die Gewährung sowjetischer Lebensmit-
telhilfen. Die verbreitete Praxis, die Demontagen zwar rasch durchzuführen,
443 Zu den Reparationen und der wirtschaftlichen Umgestaltung in der sowjetischen Besatzungszone
Deutschlands vgl. Naimark, Die Russen in Deutschland, S. 181–258.
444 Rathkolb, Sonderfall Österreich?, S. 361–364.
445 Roman Sandgruber, Das wirtschaftliche Umfeld des Staatsvertrages, in: Manfried Rauchensteiner
– Robert Kriechbaumer (Hg.), Die Gunst des Augenblicks. Neuere Forschungen zu Staatsvertrag
und Neutralität. Wien – Köln – Weimar 2005, S. 359–378, hier: S. 364f.; Stelzl-Marx, Die „Wiederver-
einigung“ Österreichs, S. 215; Wilfried Aichinger, Die Sowjetunion und Österreich 1945–1949, in:
Günter Bischof – Josef Leidenfrost (Hg.), Die bevormundete Nation. Österreich und die Alliierten
1945–1949. Innsbrucker Forschungen zur Zeitgeschichte. Bd. 4. Innsbruck 1988, S. 275–292, hier: S.
277–279.
446 Dieter Stiefel geht hingegen von nur zwei Phasen aus, ohne die Etappe der im Staatsvertrag 1955
festgelegten Ablöse eigens zu berücksichtigen. Da Österreich jedoch bis 1964 „Reparationen“ an die
Sowjetunion zahlte, erscheint eine dreigliedrige Unterteilung als sinnvoll. Vgl. Dieter Stiefel, Coca-
Cola kam nicht über die Enns: Die ökonomische Benachteiligung der sowjetischen Besatzungszone,
in: Günter Bischof – Dieter Stiefel (Hg.), „80 Dollar“. 50 Jahre ERP-Fonds und Marshall-Plan in
Österreich 1948–1998. Wien – Frankfurt am Main 1999, S. 111–132, hier: S. 116.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918