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6. Das Wirtschaftsimperium 267
hatte fortan keinerlei Einfluss auf die beschlagnahmten Betriebe. Nach
sowjetischen Angaben umfasste die USIA 1953 allein 436 Betriebe, davon
231 aus dem Bereich der Industrie. Außerdem unterstanden ihr mehr als
3100 Wohnhäuser, Schulen, Spitäler, Kasernen, Kirchen und andere Wirt-
schafts- und Wohngebäude.453 Einen Teil der USIA bildete schließlich auch
die Sowjetische Donau-Dampfschifffahrtsgesellschaft (DDSG), die als Ver-
waltungsfirma für das am 2. Februar 1946 beschlagnahmte Vermögen in
der sowjetischen Besatzungszone ins Leben gerufen worden war.454
In die dritte Phase fielen die Verhandlungen um die schließlich im „Mos-
kauer Memorandum“ vom 15. April 1955 vereinbarte Ablösesumme für den
sow
jetischen Wirtschaftskomplex und die Lieferungen an die Sowjetunion in
den folgenden Jahren. Österreich zahlte dafür einen (zu) hohen Preis: Nicht
nur war der USIA-Komplex letztendlich überbezahlt,455 auch die vereinbarten
Erdöl-Ablöselieferungen lagen weit über dem tatsächlichen Wert der SMV-
Betriebe von 1955.456 Zu Beginn der Besatzungszeit sahen sich die Sowjets
aber vor allem auch mit dem Problem einer drohenden Hungerkatastrophe
konfrontiert, zu deren Behebung umgehend Maßnahmen ergriffen werden
mussten.
6.1 „Erbsenspende“: Lebensmittelhilfen 1945
Zu Kriegsende herrschten gerade in den ländlichen Gebieten der sowjeti-
schen Besatzungszone chaotische Bedingungen. Befreite Zwangsarbeiter und
Kriegsgefangene überfielen immer wieder Bauernhöfe und verlangten nach
Essbarem. Die Felder waren wegen der schweren Frühjahrskämpfe häufig
nicht bestellt oder durch die Kampfhandlungen schwer in Mitleidenschaft
gezogen worden. Lokale Kommandanten versorgten ihre Truppen durch Be-
schlagnahme eines Teils der Produktion oder dadurch, dass sich die Soldaten
in der Landwirtschaft selbst bedienen durften. Ganze Kleinstädte wurden
453 RGANI, F. 5, op. 28, d. 224, S. 70–78, hier: S. 70, Bericht des Leiters der Abteilung für innenpolitische
Fragen des Apparates des Hochkommissars, A. G. Kolobov, über die politische Arbeit in den USIA-
und SMV-Betrieben [spätestens am 9.6.1954]. Abgedruckt in: Karner – Stelzl-Marx – Tschubarjan,
Die Rote Armee in Österreich, Dok. Nr. 113.
454 Waltraud Brunner, Das Deutsche Eigentum und das Ringen um den Österreichischen Staatsvertrag.
Phil. Diss. Wien 1976, S. 139.
455 Seidel, Österreichs Wirtschaft, S. 477f.
456 Iber, Die Sowjetische Mineralölverwaltung, S. 218f.; Walter M. Iber, Die versteckten Reparationen.
Zur wirtschaftlichen Ausbeutung Österreichs durch die Sowjetunion 1945–1955/63, in: Wolfram
Dornik –Johannes Gießauf – Walter M. Iber (Hg.), Krieg und Wirtschaft. Von der Antike bis ins 21.
Jahrhundert. Innsbruck – Wien – Bozen 2010, S. 555–574, hier: S. 567.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918