Seite - 293 - in Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Bild der Seite - 293 -
Text der Seite - 293 -
6. Das Wirtschaftsimperium 293
6.6 Der Riese wankt
Die zunehmenden finanziellen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten erschüt-
terten den gesamten sowjetischen Wirtschaftskomplex in Österreich und
beunruhigten Moskau. Man versuchte, die kapitalknappen USIA-Betriebe
umzustrukturieren. 1948 verlautbarte der Leiter der Wirtschaftsabteilung
der SČSK, Georgij Andreevič Kulagin, der Engpass sei überwunden. Davon
konnte jedoch keine Rede sein.559 Am 7. Dezember 1951 erließ der Minister-
rat den Beschluss Nr. 4988-2159ss „Über ernsthafte Mängel und grobe Ver-
fehlungen in der Tätigkeit sowjetischer Betriebe und Einrichtungen in Ös-
terreich“, dem am 26. Juli 1952 eine weitere Anordnung folgte.560 Prüfungen
durch das Ministerium für Staatskontrolle der UdSSR ergaben, dass zwar
die USIA-Betriebe 1952 die vorgegebenen Produktions- und Finanzpläne
sogar übererfüllt hatten, sie sich aber trotzdem in einer äußerst schwierigen
Finanzlage befanden. Von den 436 USIA-Betrieben waren 332 in Betrieb, 69
vermietet und die restlichen 35 stillgelegt. Größtenteils handelte es sich um
technisch veraltete Kleinbetriebe mit weniger als 100 Mitarbeitern. Liquidi-
tätsprobleme erschwerten die Lohnauszahlungen und die Deckung diverser
Rechnungen. Außerdem hatten sich große Schulden gegenüber den österrei-
chischen Krankenkassen angesammelt. Dies wiederum lieferte den Anlass
für die „reaktionäre Presse“, eine „verleumderische Kampagne gegen die so-
wjetischen Betriebe in Österreich“ zu führen.
Folgende Gründe machte das MGK für diese unerfreuliche Situation ver-
antwortlich: zu große Warenvorräte, die die Betriebe ohne Berücksichtigung
der Nachfrage auf den Markt warfen, mangelnde Konkurrenzfähigkeit der
Produkte aufgrund hoher Selbstkosten und niedriger Qualität, wachsende
Verschuldung bei den Abnehmern und schwacher Handel.561
Die GUSIMZ hingegen sah die Ursache primär in einer zunehmenden ge-
nerellen Wirtschaftskrise in Österreich, die den Verkauf von Waren erschwe-
re. Darüber hinaus verschlimmere die seitens der österreichischen Regierung
und „reaktionären Presse systematisch durchgeführte Diskriminierung“
diese Schwierigkeiten noch zusätzlich, so ihre Einschätzung. Die sowjetische
Verwaltung würde jedoch „Maßnahmen zur Liquidierung der ernsten Män-
559 Rauchensteiner, Der Sonderfall, S. 242.
560 RGASPI, F. 17, op. 164, d. 212, S. 153–157, hier: S. 153, Bericht von V. Sergeev an G. Malenkov über
die wirtschaftlichen Betriebe in Österreich, 17.2.1953.
561 RGASPI, F. 17, op. 164, d. 212, S. 119–124, hier: S. 119, Bericht von A. Pavel’ev an G. Malenkov über
die Lage in der USIA, 10.2.1953; RGASPI, F. 17, op. 164, d. 212, S. 125–150, hier: S. 125, Informatio-
nen von P. Kulakov über die Lage in der USIA als Beilage des Berichts des MGK, 7.2.1953.
zurück zum
Buch Stalins Soldaten in Österreich - Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955"
Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918