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III. Der sowjetische Besatzungsapparat: Struktur und
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erschien als nicht mehr zweckmäßig, wobei keineswegs nur politische, son-
dern insbesondere auch wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle spielten.
Denn ein Verkauf der sowjetischen Unternehmen in ihrer angespannten
wirtschaftlichen Lage hätte als Eingeständnis der sowjetischen Unfähigkeit,
die Unternehmen rentabel zu führen, bewertet werden können. Gerade vor
dem Hintergrund der Erfolge der österreichischen und westlichen Firmen
vermittelte die ineffektive wirtschaftliche Führung der sowjetischen Be-
triebe in Österreich ein anschaulicheres Bild von den „Vorzügen“ der so-
zialistischen Wirtschaft als alle politischen Losungen. Mit der anhaltenden
wirtschaftlichen Krise war offensichtlich auch ein politischer Schaden ent-
standen.569
Folglich fasste der Ministerrat der UdSSR am 9. Juni 1953 den Beschluss,
den Zustand und die Tätigkeit der USIA-Betriebe zu verbessern. In den
nächsten eineinhalb Jahren floss eine höhere Kapitalanlage in die USIA als
in den vorangegangen siebeneinhalb Jahren zusammen (38 Millionen Rubel
von Juni 1953 bis Ende 1954 gegenüber 34 Millionen Rubel von 1946 bis Juni
1953). Damit sollten bis Jahresende 17 Betriebe zu vorbildlichen Unterneh-
men umgestaltet werden. Gleiches war für 28 Betriebe bis Ende 1956 geplant,
um innerhalb von drei Jahren insgesamt 45 führende Betriebe in einen „mus-
tergültigen Zustand“ zu bringen. 32 kleine Betriebe wurden geschlossen. Ne-
ben diesen strukturellen Maßnahmen plante Moskau, die Lebens- und Ar-
beitsbedingungen der Arbeiter zu verbessern.570
Wenn man bedenkt, dass sich insgesamt 144 dieser Unternehmen in Öster-
reich befanden, hätte sich die gesamte Umstrukturierung auf eine Dauer von
zwei Fünfjahresplänen erstreckt. Doch herrschte in der Frage der Umstruk-
turierung in der sowjetischen Führung unerwartete Einigkeit: Die „Orthodo-
xen“ nahmen an, die sowjetische Militärpräsenz in Österreich wäre noch von
langer Dauer, weswegen für eine Reform des sowjetischen Wirtschaftskom-
plexes noch genügend Zeit bleibe. So sollte sogar das MID mit 1. September
1954 eine Schule mit zehn Unterrichtsjahren für Kinder sowjetischer Mitar-
beiter im Apparat des Hochkommissars und in den wirtschaftlichen Einrich-
tungen in Österreich einrichten lassen.571 Die „Gemäßigten“ hofften hingegen,
vor Unterzeichnung des Staatsvertrages zumindest einige Betriebe rentabel
zu machen, um die sowjetische Wirtschaftsführung in einem besseren Licht
569 Prozumenščikov, Nach Stalins Tod, S. 738f.
570 RGANI, F. 3, op. 8, d. 110, S. 71f., A. Mikojan u. a. an das ZK der KPdSU über Verbesserungen der
USIA-Betriebe, 17.5.1954.
571 RGANI, F. 3, op. 8, d. 110, S. 73–76, hier: S. 75, Entwurf des Ministerratsbeschlusses, Über die Tätig-
keit der USIA-Betriebe in Österreich [Mai 1954].
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918