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6. Das Wirtschaftsimperium 297
erscheinen zu lassen.572 Zur Kompensation der schlechten Auftragslage ver-
pflichtete sich die Sowjetunion, bis 1954 Waren von USIA-Betrieben im Wert
von 216 Millionen Rubel zu importieren. Dies sollte auch eine andernfalls
drohende Kündigungswelle verhindern.573
Ein Teil der wirtschaftlichen Probleme entstand aus den ideologischen Ma-
ximen der Sowjetunion. So fand die Losung, wonach das Proletariat westli-
cher Länder der einzige Verbündete der sozialistischen Staaten auf dem Weg
in eine „verheißungsvolle kommunistische Zukunft“ sei, auch in der Lohn-
politik der USIA ihren Niederschlag.574 Von Anfang an stellte die Steigerung
der Löhne in den sowjetischen Betrieben in Österreich ein Ziel dar. Alek sandr
Pigin, Leiter der Verwaltung für Arbeitskräfte in der SČSK, kritisierte im
April 1947, dass sich das Lohnniveau nur durch „Groschen“ von jenem in
österreichischen Betrieben unterscheide und dass ein qualifizierter Arbeiter
nur unwesentlich mehr verdiene als ein Hilfsarbeiter. Außerdem würde das
Prämiensystem für gute Arbeit ausschließlich vom leitenden österreichischen
Ingenieur ohne Mitsprache durch den sowjetischen Direktor erfolgen. Er ver-
langte, genaue Tarife je nach Tätigkeit und Qualifikation ausarbeiten zu las-
sen, um das Lohnsystem „bedeutend zu regeln“.575
Gemäß streng geheimen Statistiken übertraf schließlich das Lohnniveau
der einfachen Arbeiter und Hilfskräfte in den USIA-Betrieben jenes in öster-
reichischen Unternehmen um sieben bis 13 Prozent. Hingegen lag der Lohn
der bei der USIA Angestellten sieben bis sogar 17 Prozent unter jenem in
österreichischen Betrieben. Ein leitender Angestellter verdiente im Juli 1953
bei der USIA 3454 Schilling monatlich, während dieselbe Position in einem
nichtsowjetischen Betrieb mit 4195 Schilling dotiert war. Insgesamt verdien-
ten die Arbeiter bei der USIA im Schnitt um neun Prozent mehr, die Ange-
stellten hingegen um 5,2 Prozent weniger als ihre Pendants in österreichi-
schen Betrieben.576
Offensichtlich erkannte der Ministerrat in diesem kommunistisch gepräg-
ten Lohnniveau eine der Ursachen für die zunehmenden Schwierigkeiten der
USIA-Betriebe. Gemäß der genannten Bestimmung vom 9. Juni 1953 wurden
572 Prozumenščikov, Nach Stalins Tod, S. 740.
573 RGANI, F. 3, op. 8, d. 110, S. 71f., A. Mikojan u. a. an das ZK der KPdSU über Verbesserungen der
USIA-Betriebe, 17.5.1954. Zu dieser Zeit betrug der Kurs der staatlichen Gosbank der UdSSR: 100
Schilling = 15,39 Rubel. Vgl. RGANI, F. 3, op. 8, d. 110, S. 81–95, hier: S. 81, Bericht von I. Kabanov
über den Zustand der USIA-Betriebe in Österreich und Maßnahmen zur Verbesserung ihrer Tätig-
keit, 11.5.1954.
574 Prozumenščikov, Nach Stalins Tod, S. 739f.
575 RGASPI, F. 17, op. 127, d. 1494, S. 176–191, hier: S. 182, Bericht von A. Pigin über die Tätigkeit der
Abteilung der Verwaltung für Soziales der SČSK im April 1947, [Mai 1947].
576 Siehe dazu auch Tabelle 6 im Anhang dieses Bandes.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918