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6. Das Wirtschaftsimperium 299
Mikojan begründete diesen durchaus unerwarteten Vorschlag sowohl
mit politischen als auch mit ökonomischen Erwägungen. In Bezug auf Ers-
tere wies er darauf hin, dass ein Verkauf der antisowjetischen Kampagne
entgegenwirken würde, die in den vergangenen Jahren österreichische Re-
gierungskreise gerade im Zusammenhang mit der USIA unterstützt hätten
und die die öffentliche Meinung gegen die UdSSR lenken sollte. Er brachte
etwa die berechtigte interne Kritik an, die USIA-Läden würden keine Steuern
an Österreich abliefern, obwohl es „keinerlei Grund“ dazu gebe. Schließlich
würde die USIA diese Geschäfte ins Leben rufen und betreiben, wodurch sie
kein „Deutsches Eigentum“ darstellten. Allein 1953 hätten die nicht abge-
führten Steuern rund fünf Millionen Rubel betragen.582
Die wirtschaftliche Zweckmäßigkeit einer solchen Entscheidung be-
gründete Mikojan damit, dass sich bei einer Fortsetzung der bestehenden
Tendenzen (steigende Kapitaleinlagen mit gleichzeitiger Zunahme der Ab-
satzschwierigkeiten) der Gewinn aus den USIA-Betrieben auf ein Minimum
reduzieren würde oder diese sogar nur noch Verluste bringen würden. Für
1954 rechnete er mit einem Gewinn von nur mehr 76 Millionen Rubel (da-
von 55 Millionen aus nicht gezahlten Steuern) und für 1955 mit maximal 60
Millionen Rubel Gewinn. Hingegen würde die Sowjetunion im Falle eines
Verkaufs jährlich 100 Millionen Rubel erhalten. Die Vorteile lagen seiner Mei-
nung nach auf der Hand.583
Abschließend brachte er – sicherlich richtigerweise – ein weiteres Argu-
ment ins Spiel, das für den Verkauf vor Abschluss des Staatsvertrages sprach:
Solange die sowjetischen Truppen und der Besatzungsapparat vor Ort wären,
könnte die Auszahlung der vereinbarten Summe leichter kontrolliert werden.
Nach Abzug der Truppen wäre es jedoch denkbar, dass Österreich diese Zah-
lungen sabotieren könnte.584
Allerdings fand Mikojans Initiative in der höchsten Führungsebene – vor-
erst – keine Unterstützung. Sein vorgelegter Verordnungsentwurf585 für einen
Beschluss des ZK der KPdSU wurde dahin gehend gekürzt, dass statt des Ver-
582 Ebd.
583 Ebd. Siehe dazu auch Tabelle 7 im Anhang dieses Bandes.
584 RGANI, F. 3, op. 8, d. 110, S. 98–101, hier: S. 101, A. Mikojan an das ZK der KPdSU über die Mög-
lichkeit eines Verkaufes der USIA-Betriebe in Österreich, 17.5.1954.
585 RGANI, F. 3, op. 8, d. 110, S. 103, Entwurf einer Anordnung des ZK der KPdSU an den sowjetischen
Hochkommissar in Österreich über den Verkauf der USIA-Betriebe [17.5.1954]. Demnach sollte der
Hochkommissar gegenüber der österreichischen Regierung die Zustimmung über den Verkauf der
USIA für 150 Millionen Dollar in sechs Jahren zum Ausdruck bringen. Wenig später wurde eine
neue Variante vorgelegt. RGANI, F. 3, op. 8, d. 113, S. 1, Entwurf einer Anordnung des ZK der
KPdSU über die sowjetischen Betriebe in Österreich, [24.5.1954]. Hierin war bereits in einem zwei-
ten Punkt von einer Verbesserung der Arbeit der USIA-Betriebe für das Jahr 1954 die Rede.
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Stalins Soldaten in Österreich
Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
- Titel
- Stalins Soldaten in Österreich
- Untertitel
- Die Innensicht der sowjetischen Besatzung 1945–1955
- Autor
- Barbara Stelzl-Marx
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2012
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- ISBN
- 978-3-205-78700-6
- Abmessungen
- 15.5 x 23.0 cm
- Seiten
- 874
- Kategorien
- Geschichte Nach 1918